Vergrault die Corona-Politik Pflegekräfte? Bundestags-Anfrage wirft Fragen auf

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Eine Anfrage der Linkspartei im Bundestag hat ergeben, dass in Deutschland die Anzahl der Beschäftigten in der Alten-und Krankenpflege während der ersten Frühjahrs-Welle um 9.000 zurückging. Zuerst hatten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe über die bislang unveröffentlichten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit berichtet. Damit verlor Deutschland innerhalb von drei Monaten 0,5 Prozent seiner Arbeitskraft in der Pflegebranche – mitten in der Pandemie. So drängen sich Fragen nach einem skandalösen Politikversagen auf, die eigentlich gründlich beantwortet werden sollten. Stattdessen starren Politik und Medien weiter wie paralysiert nur auf „Inzidenzwerte“ und Virus-Mutationen.

Was tun wir nicht alles, um eine Ansteckung mit SARS-Covid 2 zu vermeiden. Wir schließen unsere Geschäfte, verzichten auf Geselligkeit, Kinder müssen ihre Bedürfnisse zurückhalten und warten – selbst als gesunder und vitaler Mensch – sehnsüchtig auf unseren Impftermin. Aus „Solidarität“. Mit den Hochbetagten. Für Oma und Opa. Herrlich. Nur wie geht es Omas und Opas in den Altersheimen der Republik eigentlich wirklich? Darüber wissen wir so gut wie gar nichts.

Was wir wissen: Je nach Bundesland lebten bis zu zwei Drittel aller mit einem positiven Corona-Test Verstorbenen Menschen in Altersheimen, fast 90 Prozent aller Toten sind 70 Jahre oder älter und über 90 Prozent litten an mindestens einer Vorerkrankung. Das sind die Gruppen, die man am meisten vor dem neuartigen Erreger schützen muss.

Wenn allein innerhalb der ersten Welle jedoch 9.000 Pflegekräfte weniger dazu beitragen können, damit dies gelingt, muss man sich doch fragen: Wie kommt das? Wie viele Stellen wurden während der zweiten, länger andauernden Welle vakant? Was bewegte die Arbeiter gerade in dieser Zeit dazu, ihren Dienst zu quittieren? In welchen Regionen trat dieser Schwund besonders stark auf? Und welche Auswirkungen hat das auf das Sterben in den Heimen auf die psychische und physische Gesundheit der hinterbliebenen Beschäftigten? Und was könnte man tun, um rund 120.000 bis 200.000 Pflegekräfte zu einem Rückkehr in den Beruf zu bewegen? Der Personalmangel in den Krankenhäusern und Pflegeheimen hat in Deutschland- ganz ohne Corona-Pandemie -eine lange Geschichte. Dies zeigten wir in diesem Artikel bereits auf. Wir können es uns also auch im Falle eines „Normalzustands“ nicht leisten, tausende Pflegekräfte zu verlieren.

Und plötzlich jammern alle über den Personalmangel in den Krankenhäusern…

Schon vor der Pandemie 40.000 vakante Stellen im Pflegesektor

Die Gewerkschaft Verdi sprach im Jahr 2019 von rund 40.000 vakanten Stellen in der Kranken-und Altenpflege. Nun sind es anscheinend 9.000 mehr. Ich wünsche mir dazu nach einem Jahr Pandemie endlich Sondersendungen, Diskussionsrunden, Studien, Parlamentsdebatten und vieles mehr. Aber nein. Politik und Medien starren wie wahnsinnig jeden Tag auf’s neue auf das RKI-Corona-Dashboard, interpretieren die Zahlen wie sie es brauchen und führen fast schon religiöse Glaubenskriege gegen „Querdenker“ und „das Virus, das uns dies und das befiehlt“. Es ist zum verrückt werden. Zahlen, Fakten und Aussagen darüber, wie sich ihr Regierungshanden im Alten-und Krankenpflegesektor niederschlägt, werden entweder gar nicht erhoben oder nicht veröffentlicht.

Ich möchte trotz fehlender weiterer Faktenlage einige zusätzliche Fragen aufwerfen, die für eine vernünftige Betrachtung des Pandemie-Managements der Regierungen von Bedeutung sein könnten. Wie könnte der Schwund der Arbeitskräfte – außer der wohl gängigsten Erklärung von Überbelastung und Unterbezahlung – zustande kommen? Zwei Thesen.

Erste These: Viele ausländische Pflegekräfte verlassen wegen harten Maßnahmen das Land

Im Jahr 2019 arbeiteten rund 80.000 ausländische Pflegekräfte im deutschen Gesundheitssektor – 300.000 private Angestellte, die Menschen zuhause pflegen, tauchen in dieser offiziellen Statistik gar nicht auf. Im April 2020 veröffentlichte die „Deutsche Welle“ ein Video von ukrainischen und italienischen Arbeiterinnen, die in der deutschen Pflege beschäftigt sind. Darin heißt es, viele ausländische Pflegekräfte hätten das Land verlassen, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Die Interviewten Frauen berichteten von Gesprächen aus ihrem näheren Kollegenkreis. In einem Artikel auf „medpool.com“ berichtet eine polnische Pflegerin ähnliches. Dort heißt es:

Aleksandra aus Polen ist eine von vielen osteuropäischen Pflegekräften, welche derzeit mit einer großen Ungewissheit leben muss. Einige ihrer Kollegen und Kolleginnen sind aus Angst ihre Familie auf unbestimmte Zeit nicht sehen zu können zurück in ihr Heimatland gereist. Zudem kommen fast täglich neue Beschränkungen auf das Pflegepersonal aus dem Ausland zu wie teils abgeriegelte Grenzen, Transportbeschränkungen und Quarantänebestimmungen. Niemand weiß derzeit, wie es weitergeht. Eine große psychische Belastung für ausländische Pflegekräfte und deren Angehörige.

Quelle: https://medpool.de/blog/rekrutierung-pflegepersonal-ausland-stockt-wegen-corona

Dagegen geriet ein Rekrutierungsprogramm neuer Fachkräfte der Bundesregierung in Mexico und auf den Philipinen während der Pandemie ins Stocken, teilte das Gesundheitsministerium mit. Grund dafür seien komplizierte Ein-und Ausreisebedingungen. Wie viele Fachkräfte das Land vor dem Lockdown und den Grenzschließungen verlassen haben, um bei ihren Familien zu sein, ist nicht bekannt. Wie auch? Solche Fragen scheinen schließlich niemanden so richtig zu interessieren.

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Jedoch ist es für ein erfolgreiches Pandemiemanagement unabdingbar, die Kapazitäten des Gesundheitssystems zu kennen, über eventuelle Entwicklungen Bescheid zu wissen und darauf reagieren zu können. Wenn Lockdowns als Notinstrument gegen eine mögliche Überlastung des Gesundheitssystems herangezogen werden, müssen sich die Verantwortlichen schließlich auch die Frage gefallen lassen: Inwieweit schützen solche restriktiven Maßnahmen unser Gesundheitssystem eigentlich wirklich? Und – im Hinblick auf ausländische Pflegekräfte – inwieweit schaden sie sogar? Sind ausländische Pflegekräfte, die vor restriktiven Maßnahmen flüchten, vielleicht auch ein Grund dafür, dass in der Anfangszeit des zweiten Lockdowns in allen Altersgruppen die Infektionszahlen sanken – nur in den Altersgruppen 85-89 und 90+ nicht? Fehlte wegen dem Lockdown das Personal, um in den Altersheimen einen wirksamen Infektionsschutz zu gewährleisten?

Quelle: Thesenpapier 7 – Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19

Wenn bereits im Frühjahr einige ausländische Fachkräfte das Land verließen, wie verhielt sich das erst vor den Weihnachtstagen? Wie viele Pflegekräfte sind überhaupt nach Deutschland zurückgekommen, wo treten diese Probleme besonders auf? Sind Pendlergebiete nahe der Grenzen besonders von plötzlichem Personalmangel betroffen? Sind dort die Todesraten besonders hoch? Fragen über Fragen…

Selbstverständlich muss meine Vermutung nicht zutreffen, dass Maßnahmen wie Lockdowns, Quarantäne nach Einreise oder Besuchsverbote in Pflegeheimen das Gesundheitssystem einen gravierenden zusätzlichen Personalmangel erzeugt. Aber wir können es auch nicht ausschließen – und es liegt in der Verantwortung der Entscheidungsträger, solchen Fragen nachzugehen und Klarheit zu schaffen. Alles andere ist schlicht verantwortungslos.

Zweite These: Zu viel Infektionsschutz macht Pfleger und Bewohner krank

Isolation und physische Distanz sind die Hauptparadigmen unser Zeit. Man sollte annehmen, dass diese Herangehensweise besonders für die Menschen gilt, für die das Virus besonders gefährlich ist. Jedoch können auch Einsamkeit und Stress krank machen – nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Um alte Menschen einsam werden zu lassen, dafür sind in einer Pandemie nicht noch nicht einmal Besuchsverbote vonnöten. Die alleinige Angst der Angehörigen, sie könnten Heimbewohner bei ihrem Besuch anstecken, hindert wohl schon viele daran, mögliche Besuche überhaupt erst in Betracht zu ziehen. Dass Einsamkeit auch krank machen kann – mit all den psychosomatischen Folgen – kommt in der medialen Betrachtungsweise viel zu kurz.

Nicht nur Angehörige müssen Abstand zu Kranken und Alten halten, sondern auch die Pflegenden. Dabei sind soziale Berufe nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern zeichnen sich auch durch menschliche Nähe aus – psychisch wie physisch. Das ständige Tragen von Schutzkleidung, Masken, körperliche Distanz, fehlende Mimik, isolierte Essenszunahme – all das erzeugt nicht nur einen enormen Mehr-Aufwand für das Personal, sondern verdrängt ein wesentliches Bild des eigenen Berufsverständnisses von Menschen in Pflegeberufen: Die einfühlsame Arbeit mit den Menschen. Personalmangel, ökonomische „Optimierung“ des Gesundheitssystems und – in der Pandemie – Isolierungsmaßnahmen beschädigen den Wunsch nach der sozialen Komponente dieses Berufes endgültig. Es wäre absolut verständlich, dass Pflegende den Anblick von würdelos sterbenden Heimbewohnern, die körperliche Belastung durch zusätzliche Maßnahmen und die gesellschaftliche Erwartung, „an der Front“ zu kämpfen nicht mehr aushalten.

So kommt es nicht von ungefähr, dass sich mehrere Altenheime im Herbst gegen einen zweiten Lockdown gestemmt hatten und trotz der Pandemie-Lage Besuche in den Heimen ermöglichten. Ein Pflegeheimleiter sagte der „Deutschen Welle: „Was mir aufgefallen ist in der Zeit des Lockdowns, der ja doch recht lange war, dass die Bewohner zum Teil körperlich nachgelassen haben. Es fehlte an Ansprachen und Anreizen. Dieses eher passive Dasein hat bei vielen den Alterungsprozess beschleunigt.“

Erstaunliche Aussagen sammelte auch das Portal „nordbayern.de“, als es der Frage nachging, warum von knapp 50.000 an oder mit Corona Verstorbenen nur 17.000 in die Intensivstationen kamen. Dazu wurde unter anderem Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Kassenhausgesellschaft, interviewt. Viele Patienten würden eine invasive Beatmung ablehnen, berichtete er: „Die Bilder, die man da (Anm.: In der ersten Welle) gesehen hat, waren nicht schön. Intubiert, in Bauchlage, und trotzdem mit geringer Überlebenschance. Da ist ein Bewusstsein entstanden, bei den Menschen in den Pflegeheimen, bei den Angehörigen, dass das mit Würde nichts mehr zu tun hat.“ Mit anderen Worten: Die Kranken ziehen entweder ein würdevolleres Sterben einem letzten Rettungsversuch vor, oder sie geben aufgrund von Fernsehbildern im Vornherein auf. Wirft das nicht ein neues Licht auf die Abwägung zwischen Sicherheit und Lebendigkeit, wenn tausende Betroffene selbst möglicherweise lebensrettende Behandlungen ablehnen?

Wir wissen fast nichts

Bei meinen Ausführungen handelt es sich um Gedanken, die ich hiermit zur Diskussion stellen will. Ich behaupte nicht für mich, diesbezüglich Wahrheiten zu besitzen. Natürlich ist es eine schwierige ethische Frage, Infektionsschutz gegen ein anderes Gesundheitsrisiko, nämlich Krankheit und Heilungsbehinderung durch Isolation gegeneinander aufzuwiegen. Jedoch ist eines klar: Die Altern-und Pflegeheime sind der Schlüssel, einen ausgewogenen Weg in der Pandemiebekämpfung zu entwickeln. Trotz dieses Umstandes wissen wir über die Situation in den Heimen so gut wie gar nichts. Das ist skandalös.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

2 Kommentare zu „Vergrault die Corona-Politik Pflegekräfte? Bundestags-Anfrage wirft Fragen auf

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