Und plötzlich jammern alle über den Personalmangel in den Krankenhäusern…

Die SARS-Covid 2-Pandemie bringt die Krankenhäuser an die Grenzen und im Zuge der winterlichen Ausbreitung des Erregers werden die Krankenhäuser voller. Zu diesem Schluss kommt man leicht, wenn man die Daten über die Auslastung des Gesundheitssystems nicht genauer anschaut. In Wahrheit ist die Anzahl an Intensivpatienten in den Krankenhäusern seit Beginn der Pandemie an nicht angestiegen – bis heute. Warum Intensivmediziner trotzdem Alarm schlagen, liegt nur bedingt an der Pandemie selbst. Die Panik ist eine Folge von Politikversagen in Sachen Personalpolitik. Der Mangel an Krankenhauspersonal wird jetzt auf die Pandemie geschoben, um vom eigenen Versagen abzulenken.

Im Seuchenjahr 2020 hat sich die Bundesregierung von der „schwarze-Null“-Sparpolitik entfernt, um die Folgen der Corona-Maßnahmen abzufedern. Angesichts der enormen wirtschaftlichen Schäden durch die Virus-Eindämmung wäre alles andere wohl auch eine Farce gewesen. Ein grundsätzliches Umdenken der jahrelang geltenden Finanzpolitik wird es jedoch wohl nicht geben: In der „Rheinischen Post“ sprach Finanzminister Olaf Scholz bereits von einer Rückkehr der Schuldenbremse ab 2022. Genau dieses Szenario einer neu beginnenden Epoche der Sparmaßnahmen habe ich bereits in diesem Artikel beschrieben. Dort ist detailliert aufgeführt, dass uns die wahren Herausforderungen der Corona-Folgen erst bevorstehen. Unter anderem befürchte ich noch geringere Investitionen in das Gesundheitssystem oder in Bildung, als dies zu Zeiten der schwarzen Null der Fall gewesen war. „Kanzlerkandidat“ Scholz macht mit seinen Aussagen jedenfalls keine Hoffnung, dass dieses Szenario doch nicht eintreten wird.

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Dass die schwarze Null-Politik auch das deutsche Gesundheitssystem verstärkt in private Hände und in Sparmaßnahmen trieb, ist kein Geheimnis. Angesichts der enormen Folgen der Corona-Maßnahmen muss sich die Regierung daher die Frage gefallen lassen: Ist die Aufregung um SARS-Covid2 wirklich nur einem natürlichen Phänomen geschuldet? Oder ist es mehr ein Ausdruck einer Sparpolitik im Gesundheitsbereich, ohne die wir diese Gesundheitsgefahr vielleicht ohne die ganz große Maßnahmen-Flut hätten bewältigen können?

Was ist das Problem in den Kliniken?

Im Folgenden geht es mir nicht darum, die Gefährlichkeit des Virus zu beurteilen und darüber zu philosophieren, ob wir auch mit dem derzeitigen Gesundheitssystem diese Krise auch mit weniger drastischen Mitteln bewältigen könnten. Mehr geht es um Fakten, die eines ziemlich deutlich zeigen: Weder erleben wir nach heutigem Stand der Dinge in den Krankenhäusern ein neues Maß an Überlastung, noch hätte man diese Probleme auf lange Sicht nicht vorhersehen können.

Schauen wir auf die derzeitige Situation auf den Intensivstationen. Besonders fällt auf, dass der Anteil an Covid-Patienten in den vergangenen Wochen geradezu nach oben geschossen ist. Nachfolgend der Tagesreport vom 16.11. der DIVI:

Besonders der Anstieg der mit SARS-Covid2-Infizierten Intensiv-Patienten sieht auf den ersten Blick erschreckend aus. Jedoch scheint die Kurve in den vergangenen Tagen zumindest ein wenig abzuflachen. Die Grafik darunter zeigt gleichzeitig einen Rückgang der freien High-Care-Intensivbetten. Dies sind Krankenzimmer in Isolation, die eine Beatmungsmöglichkeit oder andere maschinellen Medizingeräte bereitstellen.

Die oberen Diagramme des DIVI-Tagesreports wird gerne medial herangezogen, um die Auslastung der Krankenhäuser während der Pandemie darzustellen. Folgende DIVI-Grafik jedoch ist weit weniger bekannt – und hat mich persönlich sehr irritiert, als ich diese Darstellung vor einigen Tagen sah:

Wir sehen die Gesamtanzahl deutscher Intensivbetten im Zeitstrahl seit Beginn der Pandemie. Der anfängliche Anstieg bis Juni ist mit der steigenden Anzahl meldender Kliniken zu erklären. Seitdem scheint sich in der bloßen Anzahl an Krankenhaus-Patienten jedoch wenig getan zu haben. Selbst der steile Anstieg der Covid-Patienten (in rot) hat anscheinend wenig an der totalen Auslastung bewirkt. Ist die Panik und die Rechtfertigung für den erneuten Lockdown nun hinfällig? Vielleicht. Aber die ganze Wahrheit ist noch nicht gesagt.

Hier sehen wir die Anzahl der belegten Betten zusammen mit der Kapazität freier Betten. Hier fällt auf, dass die Reserven im Zuge der zweiten Welle etwas abgebaut wurden. Woran das genau liegt, ist nirgendwo genauer erklärt. Doch es gibt mehrere Hinweise, wodurch wir zu den Kuriositäten der vergangenen Jahre in Sachen Pflegepolitik kommen.

Die abgebauten Reserven bedeuten nämlich nicht, dass die Infrastruktur abgebaut wurde. Die Kapazitäten zeigen stattdessen, wie viele Betten mit dem derzeitigen Personal überhaupt betrieben werden könnten. Kleine Randnotiz: Die grau gefärbte Notfallreserve kann innerhalb von sieben Tagen aktiviert werden.

Das Ärzteblatt schreibt deshalb, dass Intensiv-Kliniken kein Engpass bei der Bettenanzahl, sondern eher beim Personal befürchten. Der dort zitierte Stefan Kluge vom Universitäts­klinikum Hamburg-Eppendorf spricht zudem von rund zwei Prozent aller Infizierten, die ein Intensivbett benötigen würden. Zumindest an seiner Klinik sei die Lage jedoch noch im Griff. Das Hauptproblem sei der Pflegemangel, ergänzt Kluge und erklärt, dass man aufgrund der gestiegenen Anzahl an Covid-Patienten Personal von anderen Stationen umverteilen müsse. Ähnlich äußerte sich auch DIVI-Chef Uwe Janssens gegenüber der „Funke-Mediengruppe“. Er verwies auf 3.500 bis 4.000 Intensiv-Kräfte, die in Deutschland fehlen würden.

Behandlung von Covid-Patienten sehr aufwendig

Zudem gestaltet sich die Behandlung von schweren Covid-Fällen als sehr aufwendig. Die Schutz-, Hygiene-und Aufsichts-Vorgaben fallen deutlich strenger aus, als es bei der Behandlung anderer Patienten der Fall ist. Das könnte eine Erklärung bieten, warum seit dem Anstieg der Covid-Patienten mehr Kapazitäten in Anspruch genommen wird, obwohl die absolute Zahl der Patienten nicht angestiegen ist. Um dem entgegenzuwirken, verkürzte das RKI in ihren Empfehlungen die Quarantänezeit von infiziertem Personal von 14 auf sieben Tage. In Bremen werden positiv getestete Pfleger sogar trotzdem in den Dienst gelassen. Ist das Virus nun gefährlich, oder wie?

Doch wer denkt, dass Pflegemangel nur ein Kind der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ist, irrt gewaltig. Um genauer zu sein, waren Personalengpässe während der Grippesaison auch in den vergangenen Jahren mehr Alltag als Ausnahmezustand. Besonders während der starken Grippewelle 2018 waren verschobene Operationen, überfüllte Notaufnahmen und erreichte Kapazitätsgrenzen in den Krankenhäusern die Realität, die damals an unserer öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend vorbeiging. Exemplarisch dazu zeigt der Schriftsteller Gunnar Kaiser einen Zusammenschnitt von Fernsehberichten über die Grippewelle 2018, in der eindeutig auch von einer massiven Überlastung des Gesundheitssystems die Rede ist.

Anders als die Covid-Patienten heute entschlossen sich damals einige Kliniken dazu, ihre Influenza-Patienten nicht extra auf einer Isolierstation unterzubringen, sondern in Einzelzimmern. Andere Stationen wurden somit nicht geschlossen. Hygieneauflagen bei der Behandlung von Grippe-Patienten waren nicht so streng, wie die Corona-Auflagen in den Kliniken heute. Das sorgt natürlich dafür, dass Covid schneller das Krankenhauspersonal bindet, als dies bei der Influenza-Epidemie 2018 der Fall war.

Das Problem des Personalmangels an deutschen Krankenhäusern war aber auch 2018 schon längst bekannt. Anfang 2019 sprach die Bundesagentur für Arbeit dann von 40.000 vakanten Stellen in der sozialen Pflege,  23.862 in der Alten- und 15.707 in der Krankenpflege. Damit stieg die Zahl im Vergleich zu 2017 nochmals an. Die Bundesagentur für Arbeit machte 2019 in 12 von 16 Bundesländern einen akuten Fachkräftemangel in den Krankenhäusern aus.

Quelle: https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/Altenpflege.pdf?__blob=publicationFile&v=8

Die Kliniken steuern dem mit mehr Leih-und Zeitarbeitskräfte dagegen. Seit 2015 verdoppelte sich der Anteil befristeter Beschäftigter im deutschen Pflegesektor, meldete die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Außerdem ist die Anzahl ausländischer Kräfte seit 2013 von 30.000 auf 80.000 gestiegen. Solche Entwicklungen hübschen zwar die Statistik auf, langfristig stopfen sie die größer werdende Versorgungslücke jedoch nicht. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet, dass überwiegend „examinierte Fachkräfte“ gesucht würden. Die Anzahl vakanter Stellen sei trotz abflachender Nachfrage weiterhin auf hohem Niveau (rund 16.000 Stellen in der Krankenpflege).

Verdi sieht das Problem in Krankenhausfinanzierung

All diese Entwicklungen sahen Experten bereits in den 1990er Jahren aufgrund der demographischen Entwicklung voraus. Immer wieder wurde vom Bund Geld für Pflegerstellen zur Verfügung gestellt. Diese konnten jedoch kaum besetzt werden. Um der Entwicklung früher entgegenzusteuern, plädiert die Gewerkschaft Verdi seit mehreren Jahren dafür, die Art und Weise der Krankenhausfinanzierung zu erneuern. So liege die Ursache im Fachkräftemangel auch oft darin, dass Krankenhäuser nicht genügend Fördermittel für andere Investitionen erhielten und somit an anderen Stellen sparen müssten. In einem Bericht schreibt die Gewerkschaft dazu:

„Die Analyse der zurückliegenden Jahre zeigt, dass alle Bundesländer ihre Finanzierungsverantwortung nicht erfüllen. Allerdings steht NRW im Bundesvergleich an vorletzter Stelle mit 28 € Fördermittel je Einwohner*in (Bundesdurchschnitt 33 €). Vor 25 Jahren betrugen die Investitionsmittel NRW‘s noch über 650 Mio €. Seit dem gab es einen Abbau um 24 % trotz wachsendem Landeshaushalt. Im gleichen Zeitraum haben die Ausgaben der Krankenkassen für Betriebskosten jedoch um 96 % zugelegt.“

Warum der Pflegeberuf zu wenig Zulauf erhält, könnte laut der Gewerkschaft besonders in den Arbeitsbedingungen, insbesondere der Überbelastung der Kräfte liegen. Die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte 2016 einen Artikel, in dem Deutschland als das Land mit dem schlechtesten Personalschlüssel Europas benannt wird. Alles in einem kommen in der Krankenpflege auf eine Fachkraft rund 13 zu betreuende Patienten.

Die Personaldecke in deutschen Kliniken ist ziemlich dünn.

Zum Vergleich: Im Jahr 2015 kam die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft auf 2,2 Intensivpatienten pro Kraft und Schicht. Damals fehlten den deutschen Intensivstationen rund 4.000 Vollzeitkräfte. Covid-Patienten binden teilweise sogar eine Pflegekraft pro Schicht allein, wodurch der Abbau eigentlich freier Betten begründet werden kann.

Anzahl privater Kliniken nimmt zu

Der Sparkurs macht sich auch in der reinen Anzahl an Krankenhäusern bemerkbar. Seit 1991 mussten immer mehr Kliniken schließen. Während die Anzahl öffentlicher und frei-gemeinnütziger Einrichtungen sinkt, steigt der Anteil privater Kliniken im deutschen Gesundheitssystem. Dass private Häuser eher gewinnorientiert und effizient wirtschaften müssten als öffentliche, ist logisch nachzuvollziehen.

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Die Krönung der Kuriositäten ereignete sich allerdings am Ende der ersten Covid-Welle, als deutsche Klinken für 400.000 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet hatten. Der Grund sind die zahlreichen verschobenen Operationen, zum Zeitpunkt Ende Mai waren das fast eine Millionen. Auch diese Eingriffe muss das Gesundheitssystem irgendwann nachholen – und die sowieso schon angeschlagenen Krankenhaus-Mitarbeiter werden dies alles noch bewerkstelligen müssen. Zudem meldeten einige Krankenhäuser durch die freigehaltenen Kapazitäten Ausfälle in Millionenhöhe. Es ist schon ein Kunststück, Krankenhäuser während einer tödlichen Pandemie (!) mit seinen staatlichen Empfehlungen in arge finanzielle Bedrängnis zu bringen. Gesundheitsminister Jens Spahn hielt dem eine Tagespauschale pro freigehaltenem Bett von 560 Euro entgegen. Diese gilt seit Mitte März – und wurde auch über den weitestgehend ruhigen Corona-Sommer nicht aufgehoben, wodurch die meisten verschobenen Operationen nicht nachgeholt werden konnten.

Mit Investitionen Pandemien vorbeugen

Gewiss ist das deutsche Gesundheitssystem immer noch eines der besten der Welt. Stand jetzt sind die Intensivstationen nicht überlastet und die Reservekapazität ist noch ausreichend vorhanden. Jedoch sollte uns die Pandemie eine Lehre sein, künftig auch auf das öffentliche Gesundheitssystem zu schauen, wenn der Panikmodus ausgeschaltet ist. Mit ausreichenden Investitionen in das Gesundheitssystem könnten wir uns fatale Lockdowns oder Schulschließungen bei künftigen Gefahren vielleicht endgültig sparen. Doch Olaf Scholz kündigte es ja bereits an: Nach der Pandemie ist wieder sparen angesagt. Auffällig ist doch aber, dass es gerade die im rigorosen Sparkurs befindenden Länder wie Italien, Spanien und Frankreich sind, die mit der Corona-Pandemie am meisten zu kämpfen haben. Hier muss ein grundsätzliches Umdenken her.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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