Südafrika und die WM 2010: Schub oder Finanzloch? Teil 2: Gautrain, ÖPNV und Flughäfen – was wurde aus den infrastrukturellen Erben?

Zehn Jahre sind seit der Fußball-WM in Südafrika vergangen. Was ist von der 19. Ausgabe des FIFA-Weltturniers geblieben? Die Klänge der nervtötenden Vuvuzelas? Deutschlands Thomas Müller, der die Argentinier des menschlich wirkenden Diego Maradona ausschaltete und zum besten Torjäger sowie besten Nachwuchsspieler der WM avancierte? Spaniens „Furia Roja“, die sich mit perfektioniertem „Tiki Taka“ und dank des Finalhelden Andrès Iniesta erstmals die Krone des Weltmeisters aufsetzen durfte? Sportlich und stimmungstechnisch waren das die Bilder und Highlights der Premiere auf dem afrikanischen Kontinent. Doch wie sieht es abseits des FIFA-Scheinwerferlichts aus? Konnten die Einwohner Südafrikas ähnlich profitieren wie die Herrschaften um den damaligen Weltverbandspräsidenten Sepp Blatter? Was wurde aus den infrastrukturellen Projekten und den teuren Arenen am Kap der guten Hoffnung?

Hier zu Teil 1: Der Sport und die Stadien – verkommen die Arenen zu Beton-Ruinen?

Rund eine Milliarde Euro gab die südafrikanische Regierung im Vorfeld der Fußball-WM 2010 aus, um die veralteten und unsicheren Verkehrsmittel für das Großereignis flott zu machen. Aus Sicht vieler Beobachter waren diese Investitionen für das Land auch bitter nötig. Etwa kritisierte das Entwicklungsprogramm der vereinten Nationen in einem Dossier die Verkehrs-Zustände in den Großstädten, die Abgeschiedenheit der Landbevölkerung und die unsicheren Taxen, die für die einfachen Menschen das Haupttransportmittel darstellten. Daraus lässt sich schließen, dass massive Investitionen in die Infrastruktur auch ohne die WM nötig gewesen wären. Die Transportmittel spiegelten sich jedoch auch in den „externen Kosten“ des Landes wieder: Umweltverbände bescheinigten der WM ein schlechtes Zeugnis. So wurden im Zuge des Ereignisses etwa sechs Mal so viel CO2 ausgestoßen als vier Jahre zuvor in Deutschland. Was wurde also aus den größten Verkehrsprojekten, die im Zuge des Turniers entstanden? Wir haben diese Analyse in die Punkte Öffentlicher Nahverkehr, Flughäfen und Zugverkehr unterteilt.

Öffentlicher Nahverkehr

Zumindest das Kapstädter Stadtmagazin bezeichnet ihr zur WM entstandenes Projekt „MyCityBus“ als Erfolgsgeschichte: „Das Liniennetz wächst in jedem Jahr.“ Die reine Ausstattung kann sich in der Tat sehen lassen: Eigene Busspuren, Überwachungskameras, Wachdienste, Informationssysteme und Verbindungen zu allen großen Treffpunkten der Stadt. Haltestellen und Fahrzeuge seien sogar behindertengerecht erbaut worden, berichtet das Portal „zukunft-mobilität“.

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Ein ähnliches Busnetz mit anfangs 120 eingesetzten Fahrzeugen wurde in Johannesburg errichtet. Inzwischen befördert das „Rea VayaTrans-Rapid“-System 45.000 Passagiere täglich. Auch die Stadtränder sind mittlerweile an das Netz angeschlossen. Das neue Verkehrssystem konnte private Taxiunternehmen, insbesondere die für Südafrika typischen Sammeltaxen, zwar nicht als Haupttransportmittel in der Stadt verdrängen. Dennoch kam es zu einigen Zusammenstößen zwischen Taxifahrern und der Regierung, da ihnen das Transportmonopol genommen wurde. In diesem Artikel eines südafrikanischen Portals kommen Fahrer zu Wort, die aufgrund der neuen Konkurrenz nun noch weniger Verdienst und gleichzeitig einen erhöhten Zeitdruck hätten.

Flugverkehr

Für umgerechnet rund 690 Millionen Euro ließ die südafrikanische Regierung im Vorfeld der WM den „King Shaka International Airport“ in Durban bauen. Damit löste der neue Passagierflughafen den 1955 errichteten „Durban International Airport“ ab.

Der King Shaka International Airport in Durban kostete rund 690 Millionen Euro

Mit einer Kapazität von etwa 7,5 Millionen Passagieren pro Jahr verdreifachte sich dadurch die maximal mögliche Auslastung des Flugverkehrs in der WM-Stadt. Seit 2014 stieg das Passagier-und Frachtaufkommen stetig an. Zwischen 2018 und 2019 verzeichnete Durban rund sechs Millionen Gäste. Der Flughafen wird von der „Airports Company“ betrieben, dessen CEO sich jüngst besorgt über die langfristigen Auswirkungen des eingeschränkten Flugverkehrs in der Coronakrise äußerte. Die Ausstattung kann eigentlich um zwei Startbahnen erweitert werden, was hinsichtlich des momentanen Gastaufkommens jedoch keine Notwendigkeit darstellt.

Die Flughäfen in Kapstadt und Johannesburg ließ die Regierung für dreistellige Millionenbeträge erweitern. 160 Millionen Euro kostete die erweiterte Fluggasthalle und ein zentrales Terminal in Kapstadt. Dadurch stieg die Passagier-Kapazität von acht Millionen auf 15 Millionen Gäste im Jahr. Fast elf Millionen Flugreisende verzeichnete Kapstadt im Geschäftsjahr 2018/2019.

In Johannesburg kostete der Umbau des O.R Tambo-Flughafens umgerechnet 250 Millionen Euro. Inzwischen gilt er mit 20 Millionen Reisenden im Jahr als der meistbenutzte Flughafen Afrikas, heißt es auf dem Portal „ingenieur.de“.

Zugverkehr

Südafrika galt bereits im Vorfeld der WM als das Land mit dem dichtesten Schienennetz des Kontinents. Dieser Umstand bedeutete jedoch keinesfalls, dass dem Zugverkehr am Kap der guten Hoffnung ein gutes Zeugnis ausgestellt werden konnte. Die meisten Bahnstrecken wurden noch unter britischer Kolonialherrschaft erbaut und meist nur für den Güterverkehr benutzt. Sogar die klassische Dampflok gehörte vor 20 Jahren in weiten Teilen noch zur Grundausstattung, schreibt die „Deutsche Welle“. Landesweite Zugstrecken zwischen den Großräumen galten eher als touristische Abenteuerreisen und sind für den geschäftlichen Zugverkehr weitaus weniger geeignet, als Autobahnen und Flugzeuge.

In 23 Stunden von Pretoria nach Kapstadt

Daran hat auch die WM nichts geändert. Das Budget für den Überlandverkehr waren durch Straßen-und Flughafenprojekte ausgelastet. So müssen Zugreisende in Südafrika auch heute noch viel Geduld mitbringen, um durch das Land zu reisen. Wer etwa von der Hauptstadt Pretoria nach Kapstadt will, muss mit einer Fahrtzeit von rund 23 Stunden über 1.600 Kilometer rechnen. Von Durban nach Kapstadt fährt gerade einmal ein Zug pro Woche. Ein großflächiges Investitionsprogramm zur Modernisierung der Züge des ehemaligen Regierungschefs Jacob Zuma, gegen den mittlerweile ein Korruptionsprozess läuft, endete in einer Katastrophe. Aufsichtsräte und Generaldirektoren der Zuggesellschaften veruntreuten große Teile der Gelder mittels dubioser Beraterverträge, berichtet die Stuttgarter Zeitung. Mindestens 1,7 Milliarden sollen im Zuge dieses Korruptionsskandals verschwunden sein. Darüber hinaus bestellten Entscheidungsträger 50 Lokomotiven für 220 Millionen Euro, die mit dem südafrikanischen Schienennetz überhaupt nicht kompatibel sind.

Zumindest in manchen Metropol-Großräumen sieht es, was den Zugverkehr angeht, etwas besser aus. Der „Gautrain“ zwischen Pretoria und Johannesburg wurde im Zuge der WM errichtet und als erster Hochgeschwindigkeitszug Afrikas gefeiert. Wenige Tage vor dem Großereignis ging der erste Streckenabschnitt zwischen dem Flughafen von Johannisburg und dem Stadion in Pretoria in Betrieb. Dabei blieb es nicht. Inzwischen verbindet die Strecke Pretoria, den Flughafen OR Tambo und Johannesburg. Die Region Gauteng will die Verkehrsfrequenz mit einem umfassenden Investitionsprogramm nachhaltig erhöhen. Das Netz soll zudem von 80 auf 150 Kilometer Länge erweitert werden. Im Zeitraum von 20 Jahren Bauzeit sollen anbei 19 neue Bahnhöfe entstehen. An den Kosten will sich unter anderem die Weltbank mit rund drei Milliarden Dollar beteiligen.

Der Gautrain ist der erste Hochgescwindigkeitszug, der je in Afrika fuhr

Die Hochgeschwindigkeitsverbindung ist einer der ökonomischen Hoffnungsschimmer Südafrikas. Gegenüber Pressevertretern behauptete ein Vertreter der Behörde Gauteng Roads and Transport, dass bereits bereits bis 2011 im Umfeld der Bahnstrecke zirka 122.000 neue Arbeitsplätze im Umfeld der Stationen entstanden seien. Über die Hälfte des gesamten Büroraums der Region stünden im Zusammenhang mit dem Schienennetz. Nach der Erweiterung erhofft sich der Vertreter 210.000 zusätzliche Arbeitsstellen.

Fazit: Ob sich die Versprechen an die Infrastruktur-Projekte nachhaltig ausgezahlt haben, muss von Fall zu Fall unterschiedlich bewertet werden. Projekte wie der Gautrain bietet für die Metropol-Region Gauteng Stand jetzt enorme Entwicklungschancen, während das landesweite Schienennetz immer noch viel zu sehr nach „Entwicklungsland“ riecht. Die Flughäfen können zwar nicht als Finanzloch gewertet werden, einen wirklichen neuen Boom für Tourismus und Businessreisende haben sie Stand jetzt jedoch kaum ausgelöst. Jedoch profitiert die Flugbranche von etlichen Inlandsflügen, die den maroden Zugverkehr ersetzen. Was den persönlichen Nahverkehr angeht, gibt es Gewinner und Verlierer – und dadurch gibt es noch mehr Raum für soziale Spaltung. Für eine tiefer gehende Analyse, was die Infrastrukturprojekte sozial und ökonomisch nun insgesamt in Südafrika bewegen konnten und wer die Profiteure der WM letztendlich sind, wollen wir im dritten und letzten Teil dieser Serie vornehmen.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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