Kleinanleger gegen Big-Player: Aufstand an der Wallstreet? Vier Erkenntnisse aus der Game Stop-Posse

Diese Woche machten aufmüpfige Kleinanleger einem großen Hedgefonds an der Wall-Street ein gewaltiges Schnippchen durch die Rechnung. Es geht um die Videospiel-Verkaufskette Game Stop, das zum Schauplatz eines Finanzkrieges avanciert. Mit globaler Medienpräsenz zeigt dieser Krieg nun eindrucksvoll die perversen Auswüchse des Finanzhandelns auf. Wir beschreiben vier wesentliche Erkenntnisse, die aus der Game Stop-Posse zu ziehen sind.

Der Sachverhalt: Game-Stop ist eine Ladenkette, die auf der ganzen Welt Videospiel-Equipment verkauft. Bereits vor den Corona-Maßnahmen stieß dieses Geschäftsmodell aufgrund des weit verbreiteten Online-Handels an seine Grenzen, die Krise verschärfte die Not des Unternehmens zusätzlich.

Daher spekulierten große Hedgefonds der Wall-Street mit sogenannten „Leerverkäufen“ auf Kursverluste von Game Stop. Dabei „leiht“ sich ein Vertragspartner ein Aktienpaket eines börsennotierten Unternehmens aus. Der Hedgefonds muss eine Leihgebür bezahlen und hat eine Frist einzuhalten, wann er die Pakete dem Aktien-Besitzer zurückgeben muss. Trotzdem kann er dieses Leihpacket an der Börse verkaufen – ein sogenannter „Leerverkauf“. Dadurch verpflichtet sich der Verkäufer, zu einem gewissen Zeitpunkt – meist am Ende der Leihfrist – die Aktien zum jeweiligen Wert zurückzukaufen.

In der Causa Game-Stop spekulierten die Leerverkäufer also darauf, dass sie die geliehenen Pakete günstiger zurückkaufen können, als sie die Aktien verkauft haben. Dafür hätte der Wert von Game-Stop an der Börse sinken müssen, was die mobilisierten Kleinanleger jedoch in das Gegenteil umkehrten. Binnen vier Wochen schoss der Aktien-Stückpreis der Verkaufskette von unter 20 auf knapp 300 US-Dollar in die Höhe. In der reddit-comunity „wallstreetbets“ hatten Kleinanleger dazu aufgerufen, einen Run auf die Game Stop-Anteile zu starten, um den großen Spekulanten ein Schnippchen zu schlagen.

Quelle Grafik: www.aktiencheck.de Stand: 03.02.19.08 Uhr

Medien aus aller Welt stürzten sich schnell auf den Coup der „Hobbyzocker“. Doch welche Lehren über den globalen Finanzmarkt lassen sich nun aus der Trading-Hysterie ziehen? Können solche Praktiken der Vernetzung sogar zu einer Art „Robin-Hood“-Aufstand gegen die großen Player der Hochfinanz avancieren?

Erste Erkenntnis: Der Finanzmarkt ist extrem manipulierbar

Diese Erkenntnis drängt sich für regelmäßige Beobachter des globalen Finanzgeschehens nicht erst seit der Game-Stop-Posse auf. Nun wird die Fragilität einiger dieser Zockereien jedoch noch deutlicher sichtbar. Viele Entwicklungen im Börsen-und Finanzsektor finden inzwischen vollkommen abgekoppelt von der Realwirtschaft statt. Ist demnach von einem Börseneinbruch nach Bekanntwerden der Brexit-Abstimmung 2016, oder einem Zuwachs durch den Wahlsieg von Donald Trump die Rede, sagt dies so gut wie nichts über die realen Auswirkungen dieser Ereignisse auf dem Binnenmarkt aus. Vielmehr sind es Gefühle, Spekulationen und schwammige Prognosen, die über Aktienpreise, Kurse, Gewinn und Verlust entscheiden. Börsenwerte sämtlicher Art bilden nur das Sammelsurium dieser – nicht faktenbasierten – Spekulationen ab.

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Manipulationen können also durch einen solchen Aufstand von Kleinanlegern geschehen, die mit ihrer bloßen Masse einem maroden Unternehmen in Windeseile absolute Rekordwerte bescheren können. Jedoch sind Tricksereien auch auf vielen andere Wegen denkbar. Hat ein einziger Hedgefonds die gleiche Finanzmacht wie mehrere Kleinanleger zusammen, kann er ganz ohne Vernetzung durch die Verschiebung riesiger Summen die Verhältnisse auf dem Markt schnell ändern. Der heute als Philanthrop gefeierte George Soros etwa ging Anfang der 1990er als der Mann in die Finanzgeschichte ein, der den britischen Pfund zum Absturz brachte. Dabei wettete sein Hedgefonds „Quantum Fonds“ auf die Entwertung des britischen Pfunds und gegen die „Bank of England“. Soros manipulierte die Wette, indem er rund zehn Milliarden Pfund aufkaufte und die Bank dazu zwang, noch mehr Liquidität zur Kurserhaltung auf den Markt zu werfen. Das Ende vom Lied: Großbritannien musste die Abwertung des Pfunds hinnehmen, die vielen britischen Kleinsparern den Wert ihrer Anlagen kostete. Soros machte rund eine Milliarde Dollar Gewinn.

Theoretisch und wahrscheinlich auch praktisch ginge es noch schlimmer: Was, wenn ein großer Player einen „guten Draht“ zu mächtigen Politikern pflegt, ihnen finanziell in Wahlkämpfen zur Seite steht und schneller über politische Entscheidungen Bescheid weiß, als die allgemeine Öffentlichkeit? Je nachdem könnten einflussreiche Spieler dieses Insiderwissen für sich nutzen, um ihre Geschäfte gemäß vorhergesehener Marktentwicklungen anzupassen. Oder noch besser: Wenn große Finanz-Player sogar als Lobbyisten auftreten und vorgefertigte „Gesetze“ zu ihren Gunsten auf direktem Wege zur Sprache bringen können? Alles schon passiert. Etwa zeigten Satiriker der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ solche Verflechtungen im Vorfeld der Rentenreform im Jahr 1999 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder anschaulich auf.

Zweite Erkenntnis: Durch Vernetzung können wir alle zum „Big-Player“ werden

Dass bürgerliche Vernetzung gerade im Internetzeitalter der Schlüssel zu einer freieren Gesellschaft sein kann, ist nicht nur in der Finanzwelt der Fall. Seien es crowdfinanzierte unabhängige Medien, dezentrale politische Bewegungen oder übernationale interessenbasierte Zusammenarbeit. In der digitalen Vernetzung steckt viel Potenzial für neue Ideen und Interessen – und allerhand Gefahr für bestehende Machtstrukturen. Ein Mittel, diese Gefahr zu bändigen ist es aus Sicht der Mächtigen, die Menschen mittels Algorithmen in Filterblasen verharren zu lassen und einen offenen Gedankenaustausch durch soziale Spaltung zu verhindern. Dennoch zeigt der Game Stop-Fall, was mit Zusammenhalt und digitaler Vernetzung möglich ist. So konnten sich einfache Kleininvestoren vernetzen und einem großen Hedgefonds mächtig in die Suppe spucken – wenn die Politik solche Riesen schon nicht anfassen will, dann müssen die Bürger dies über legale Möglichkeiten selbst in die Hand nehmen – sei es im Finanzsektor oder in anderen politischen Sektionen. Die Causa Game Stop dürfte bei einigen zumindest für eine gewisse Art Aufklärung gesorgt haben, was in der Blase der Spekulanten alles möglich ist.

Der Wirbel um Game-Stop ist übrigens kein Präzedenzfall. In diesem Artikel auf dem Portal „finanzen.net“ finden Sie beispielsweise eine Beschreibung, wie Kleinanleger gleich zweimal ein Unternehmen davor bewahrten, vom Tech-Riesen Amazon geschluckt zu werden. Der Aufstand gegen die Wall-Street-Riesen schlummert also schon eine ganze Weile in den Köpfen einiger vernetzter Marktteilnehmer.

Dritte Erkenntnis: „wallstreetbets“ verfolgt kein Robin-Hood-Prinzip

Die Kleinanleger, die Game-Stop zu den jüngsten Höhenflügen verholfen haben, sollen hier jedoch keinesfalls ohne Kritik davonkommen. Eines ist jedenfalls klar: Die Kleinaktionäre bedienten sich denselben pervertierten Manipulationstools, wie die großen Player auf dem Aktienmarkt. Damit lehnten sie sich genau genommen eben nicht gegen diese Form der Zockerei auf, sondern stiegen auf ihre Art und Weise mittels Kartellbildung nun ebenfalls mit ein.

Überdies geht es in diesem Spiel keineswegs um die Umverteilung von Reich zu Arm. Durch die Schlacht gegen die großen Hedgefonds konnten sich die Kleinanleger in Windeseile schnell bereichern – und steckten dieses zugewonnene Kapital wohl eher in die eigene Tasche, als dass sie den großen Umverteiler spielten. Inzwischen ist der Kurs von Game Stop wieder erheblich gesunken, was auf einen großflächigen Weiterverkauf der Aktien hindeutet. Viele Anleger sind also bereits mit großem Gewinn aus der Sache ausgestiegen. Nur vereinzelt gibt es Meldungen, dass die Gewinne tatsächlich Bedürftigen zugute kommen. Ein Profiteur ließ beispielsweise einem Kinderkrankenhaus Spiele und Konsolen zukommen.

Derweil werden „Aussteiger“ aus dem Game Stop-Krieg von wallstreetbets bereits als Verräter deklariert. Ein deutscher Anleger berichtet in einem reddit-Post davon, dass sich das Lager mehr und mehr radikalisiere, etliche desinformative Meldungen umhergingen und sich die Kleinanleger in einer Art „Echokammer“ befänden.

Zudem weist etwa Jens Berger von den „Nachdenkseiten“ in einem empfehlenswerten Text darauf hin, dass eventuelle Hintermänner und Profiteure der Aktion nicht bekannt seien und der Hype um den Wall-Street-Aufstand daher mit Vorsicht zu genießen sei. Er thematisiert in diesem Zusammenhang die mächtigen Vermögensverwalter BlackRock und Vanguard, deren Geschäftsmodell die Verwaltung von Aktien sei und die von der Kursexplosion profitieren würden.

Börsen-Guru Dirk Müller weist außerdem im Interview mit „RT deutsch“ auf erhebliche Kollateralschäden hin, die solche Marktmanipulationen mit sich brächten. Diese Verluste gingen nicht nur auf das Konto der reichen Spekulanten, sondern beträfe insbesondere Rentenvorsorgen und Lebensversicherungen von einfachen Menschen.

Vierte Erkenntnis: Die Regulierung des Finanzmarktes ist längst überfällig

In diesem Punkt kann ich mich nur dem bereits erwähnten Jens Berger anschließen. Dieser fordert in seinem Text eindringlich: „Macht das Casino endlich dicht.“ Der Aktienmarkt von heute zeichnet sich im Wesentlichen durch zwei Merkmale aus: Glücksspiel und Manipulation. Dass nun auch Kleinanleger mittels Absprachen an diesem Irrsinn teilnehmen, lässt dieses Grundproblem nicht verschwinden. Dirk Müller spricht dabei von der Perversion eines „Schlachtfeldes“, das durch den Krieg zwischen Hedgefonds und Hobbyzockern nun an die Oberfläche tritt. Wer am Ende am meisten darunter leidet, sollten einige Casino-Gänge in die Hose gehen, sind am Ende dennoch die Kleinsparer, deren Geld letztlich auf das Spiel gesetzt wird.

Der Aktien-und Finanzmarkt hätte von solchen Zuständen schon seit Jahrzehnten befreit werden müssen. Spätestens zur Finanzkrise 2008 hätten die Regierungen erkennen müssen, dass ohne eine systematische Regulierung solcher Spekulationen ganze Volkswirtschaften in den Abgrund gezogen werden können. Der Aktienmarkt ist eigentlich zur Liquiditätsbeschaffung für vielversprechende Unternehmen gedacht, die von finanzstarken Investoren gefördert werden sollten. Diese Art von Schnelllebigkeit und Glücksspiel dürfte jedoch nicht mehr im Ansatz für das stehen, womit die Finanzwirtschaft einer Gesellschaft eigentlich dienen sollte.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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