Südafrika und die WM 2010: Schub oder Finanzloch? Teil 1: Der Sport und die Stadien – verkommen die Arenen zu Beton-Ruinen?

Zehn Jahre sind seit der Fußball-WM in Südafrika vergangen. Was ist von der 19. Ausgabe des FIFA-Weltturniers geblieben? Die Klänge der nervtötenden Vuvuzelas? Deutschlands Thomas Müller, der die Argentinier des menschlich wirkenden Diego Maradona ausschaltete und zum besten Torjäger sowie besten Nachwuchsspieler der WM avancierte? Spaniens „Furia Roja“, die sich mit perfektioniertem „Tiki Taka“ und dank des Finalhelden Andrès Iniesta erstmals die Krone des Weltmeisters aufsetzen durfte? Sportlich und stimmungstechnisch waren das die Bilder und Highlights der Premiere auf dem afrikanischen Kontinent. Doch wie sieht es abseits des FIFA-Scheinwerferlichts aus? Konnten die Einwohner Südafrikas ähnlich profitieren wie die Herrschaften um den damaligen Weltverbandspräsidenten Sepp Blatter? Was wurde aus den infrastrukturellen Projekten und den teuren Arenen am Kap der guten Hoffnung?

In einer Mini-Serie ziehen wir Bilanz.

Südafrika hätte einen leichten Zeitpunkt erwischen können, eine WM auszurichten. Nach dem Sommermärchen in Deutschland 2006, bei dem sich die Welt tatsächlich als Gast bei Freunden fühlen durfte. Vor der Jubiläumsausgabe 2014 in Brasilien, dem Land des fünfmaligen Weltmeisters mit der Kathedrale des Fußballs, dem Maracana-Stadion unweit der monumentalen Christusstatue.

Trotzdem riefen die südafrikanischen Organisatoren das übliche Ziel, die beste WM aller Zeiten veranstalten zu wollen, aus. Ungeachtet der Befürchtungen von „White Elephants“, massiver Geldverschwendung infolge der geplanten Mammutbauprojekten. Südafrika klotzte, um sich als Repräsentant des schwarzen Kontinents vor der Fußballwelt, aber auch gesellschaftlich nicht die Blöße zu geben. Die Regierung verabschiedete ein historisches Investitionsprogramm, das den Anforderungen der FIFA-Handbücher hinsichtlich Infrastruktur auf und abseits des Rasens genügen sollte. Insgesamt seien mehrere Milliarden Euro in Stadien, das Verkehrsnetz und die Bekämpfung von Kriminalität und Drogenhandel geflossen (siehe hier für Teil 2).

WM-Stadien 2010: vier Milliarden für vier Wochen

In die zehn WM-Arenen wurden umgerechnet vier Milliarden US-Dollar gesteckt. Bereits vor Anpfiff des Auftaktspiels gegen Mexiko (1:1) eine unfassbare Summe, wenn sie mit dem Lebensstandard eines durchschnittlichen Südafrikaners verglichen wird. Noch im Jahr 2019/20 leben schätzungsweise 60 Prozent der Bevölkerung am Rande oder (deutlich) unterhalb der Armutsgrenze. Dennoch wurden fünf Neubauten eigens für die vier Wochen Weltruhm in die Tat umgesetzt, darunter in Kapstadt (ca. 400 Millionen Euro) und Durban (ca. 200 Millionen), wo die DFB-Auswahl im Halbfinale dem späteren Weltmeister Spanien unterlag. Zudem wurde das Nationalstadion „Soccer City Stadium“ in Johannesburg für etwa 320 Millionen Euro umgebaut – zum Vergleich: die Allianz Arena, ein Neubau in der deutschen Fußballhauptstadt München kostete 340 Millionen. 84.900 glückliche Zuschauer verfolgten dort am 11. Juni 2010 das Eröffnungsspiel und einen Monat später das Finale zwischen Spanien und den Niederlanden (1:0 n.V.). 

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„Bafana Bafana“, wie die Jungs der südafrikanischen Nationalmannschaft gerufen werden, bereitete sowohl dem eigenen Publikum als auch dem ganzen Kontinent pure Freude. “Tshabalala!“ schrie ein englischsprachiger Kommentator ins Mikrofon, als Siphiwe Tshabalala, damaliger Mittelfeldspieler der landesweit beliebten Kaizer Chiefs den Gastgeber sehenswert in Führung schoss. „Bafana Bafana! Goal for South Africa, goal for all Africa!”. (hier)

Der Torschütze und seine Mitspieler begannen zu tanzen und versetzten ganz Afrika in Ektase. Erstmals nahmen sechs Mannschaften des größten Kontinentalverbands teil. Ghana stieß sogar fast ins Halbfinale vor, was ein gewisser Luis Suarez (Uruguay) mit einem Handspiel, seinem ersten von zwei persönlichen WM-Skandalen, zu verhindern wusste.

Vermächtnis leerer Arenen? Südafrika wird Rugby-Weltmeister

Doch abgesehen von den Rahmenterminen, Eröffnungsspiel und Finale, sowie Spitzenspiele zeichneten sich Szenen für die Zeit nach der WM ab. Nicht ausgelastete Stadien, lediglich vier Arenen erreichten eine (Fast-) Vollauslastung, waren zu erwartenden Vorzeichen. Zu konträr zu den Bedürfnissen und Voraussetzungen der südafrikanischen Bevölkerung erwiesen sich die Megabauten. Mit Ausnahme des Royal-Bafokeng-Stadions in Rustenburg (45.000 Plätze) werden alle WM-Stadien für Fußball-, aber vor allem auch Rugbypartien genutzt. Zum Verständnis: Südafrika wurde im Rugby, der Sportart, welche trotz Ende der Apartheid der dominierenden weißen Bevölkerung zugeschrieben wird, 2019 Weltmeister. Die Euphorie um die „Springboks“ übersteigt jene um die Fußballauswahl des Landes trotz der Heim-WM um Weiten. Seit 2010, als Südafrika als bislang einziger Gastgeber einer Fußballweltmeisterschaft bereits in der Gruppenphase ausschied, scheiterten die „Bafana Bafana“ bei den weiteren Qualifikationen für WM-Endrunden. Selbst für die Kontinentalmeisterschaften, den Africa Cup, reichte es nicht, teils kläglich.

Die FIFA bewirbt für ihre Turniere „Legacy“ (dt. Vermächtnis, Erbe). Bezüglich des Vermächtnisses solcher Mega-Events schrieb das Süddeutsche Zeitung Magazin: Legacy sei „ein Begriff, der zu den größten Lügen unserer Zeit gehört. Denn damit wird vorgetäuscht, dass es sich bei solchen Mega-Events um Konjunkturprogramme und Entwicklungshilfe handelt. In Wahrheit sind sie vor allem ein teures Vergnügen, das man sich als Ausrichter leisten können muss.“ Südafrika konnte das nachweislich nicht. Ist deshalb das das Vermächtnis, das Erbe der südafrikanischen WM-Ausgabe verpufft? Dieser simplen These tritt Mark Gleeson entschieden entgegen. „Wir haben der Welt damals gezeigt, dass wir in Südafrika ein Weltklasseturnier stemmen können“ sagte der langjährige südafrikanische Fußballkommentator der Neuen Zürcher Zeitung anlässlich des zehnten Turnierjubiläums, „die WM hat dem Land einen massiven Schub gegeben und den Sport für Fernsehen und Sponsoren viel interessanter gemacht.“ So gesehen ist der Kosten-Nutzen-Faktor differenziert zu betrachten. Selbst bei anderen Ex-Gastgebern mit teils deutlich besseren wirtschaftlichen Kapazitäten stehen Arenen (z.B. Japan/Südkorea 2002 oder auch Brasilien) leer. Über die Touristenmetropole Kapstadt und ihr 400- Millionen-Euro-Stadion hieß es: Man brauche „einfach ein Weltklassestadion“. Trotzdem sei die Mehrheit der Arenen “unausgelastet und defizitär”. Viele Betreiber können kaum die laufenden Kosten stemmen. In Spielorten wie der Hauptstadt Pretoria hätten auch vorhandene Sportstätten genutzt oder renoviert werden können. Gleeson widerspricht: „Die Leute vergessen manchmal, wie schlecht die Infrastruktur der Plätze und Stadien vor der WM war.“

Hinterher pries Sepp Blatter, von 1998 bis 2016 umstrittener Präsident des Weltverbands, die südafrikanische WM als „eine Feier der Menschlichkeit“. Insgesamt sei kein Turnier derart rhetorisch überhöht worden, schrieb die NZZ. Natürlich inszenierte die FIFA auch Auftritte des damals altersgezeichneten Nationalhelden Nelson Mandela. An Ankündigungen und Bewertungen wie die Blatters muss sich der Weltverband messen lassen, zu groß ist die soziale Verantwortung. In Südafrika blieb die FIFA Einiges schuldig. Im Auftrag des „FIFA Legacy Trust“-Programms seien beispielsweise 65 Millionen Dollar für den Breitensport bereitgestellt worden. Ingesamt floss etwa eine Milliarde Dollar an FIFA-Geld, was anfangs in Kunstrasenplätze investiert wurden, aber im korruptionsgeplagten Südafrika teilweise versandeten. Mit der Förderung wurde zumal mit zweijähriger Verspätung begonnen, weshalb Joe Carrim, diesbezüglicher FIFA-Verantwortlicher in der NZZ zugab: „Da haben wir das Momentum des erfolgreichen Turniers ein Stück weit verloren“. Sinnbildlich hierfür sank die Anerkennung in der nationalen Bevölkerung – schon vor dem Turnierstart.

Zehn Jahre WM in Südafrika: das lief positiv

Und spielerisch? Aktuell lässt sich nur ein südafrikanischer Spieler in einer der europäischen Top-Fünf-Ligen wiederfinden. Zumindest die heimische Liga erfreut sich einer Qualitätssteigerung, was auch an den neuen Arenen liegt. „Die Premier Soccer League hat Fortschritte gemacht und erstaunliche Schritte unternommen, um eine bessere Liga zu werden. Sie ist definitiv die beste in Afrika“, betont Benni McCarthy. Der einstige England-Legionär schoss selbst einst 32 Tore in 80 Länderspielen, wurde jedoch vor der Heim-WM aus dem Kader gestrichen.

Insgesamt gab die Ehre, eine FIFA-WM ausrichten zu dürfen, dem Land als glücklichem Repräsentanten seines Kontinents, eine einmalige Chance. Irgendein Staat musste den Anfang machen. Südafrika war wie die Mehrzahl der WM-Gastgeber der Blatter-Ära überfordert mit der FIFA-Maxime „The Beautiful Gain“ (dt. Wachstum; in Anlehnung an „beautiful game“). Einheimische, namentlich die Steuerzahlenden tragen die Last weiter. Dass Südafrika keine falsche Wahl gewesen war, zeigen die noch immer genutzten Arenen. Wenngleich die überdimensionalen FIFA-Schablonen hinsichtlich geforderter Kapazitäten am Stadion und in seiner Umgebung fehlplatziert wirkten, meisterten die Südafrika ihre Aufgabe so gut es ihnen möglich war. Vielmehr ist es die Aufgabe der FIFA, dem Zirkus Einhalt zu gebieten. Wann dies geschieht, ist angesichts der noch immer geplanten Weihnachts-WM in Katar 2022 zweifelhaft. Immerhin tragen bei der WM 2026 drei Länder (USA, Kanada, Mexiko) die Verantwortung auf mehreren Schultern. Ähnlich sieht es mit der Co-Bewerbung von Portugal, Spanien und Marokko für 2030) aus. Womöglich diente dann Südafrika als gleichermaßen warnendes wie positives Beispiel und die Vuvuzelas kehren zurück auf die Tribünen.

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