Folterer, moderne Sklaverei und eiserne Herrscher als Financiers: Die „Vorbildrolle“ des Fußballs endet an der Staatsgrenze

Endlich wieder Bundesliga! Und sollten örtlichen Gesundheitsämter zustimmen, dürfen die Klubs sogar auf wenige Zuschauer in den Stadien hoffen. Jedoch ist es nicht lange her, dass sich Funktionäre und Schwergewichte des Fußballs während der langen Corona-Pause in Demut einer angeblichen Vorbildrolle hinsichtlich der aufkommenden Krise suhlten. Wie ernst der Sport solche Bekundungen wirklich nimmt, kann man an ihren Geschäftspartnern ablesen. Dabei ist die WM 2022 in Katar mit den menschenunwürdigen Zuständen auf den Stadionbaustellen nur der Gipfel des Berges. Das Beispiel zeigt aber: Die viel zitierte Vorbildrolle des Fußballs endet bereits an der Staatsgrenze.

Der Fußball und die viel zitierte Vorbildrolle. Gerade während der Corona-Thematik äußerten sich viele Vertreter und Funktionäre rund um den Volkssport, dass der Fußball sich aufgrund der Pandemie neu aufstellen muss. Plötzlich sollten Rekordablösesummen und Mega-Gehälter der Vergangenheit angehören. Man sollte meinen, der Branche ist eine moralische Eingebung vom Himmel gefallen.

Was von der viel zitierten Vorbildrolle dann übrig bleibt, zeigt der jüngste Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International über die Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen in Katar für die WM 2022 eindrucksvoll auf. Nämlich so gut wie gar nichts. Das Schlimme hierbei ist nicht einmal, dass der Fußball eigennützig und gewinnorientiert handelt. Besonders im Höhepunkt der Corona-Thematik kam dazu noch eine gehörige Portion Extra-Heuchelei dazu, die fast schon unerträglich ist.

Das Hauptproblem des Fußballs sind nicht die hohen Gehälter

Gerade in Zeiten des Bundesliga-Neustarts wurde die „Vorbildrolle des Fußballs“ dann noch mehr rauf und runter diskutiert. Leider geschah dies nur aus medizinischer Sicht – das aber peinlichst genau und zeitweise über moralisierend. Auf der einen Seite die Kritiker um den dauerpräsenten SPD-Politiker Karl Lauterbach, der die Corona-Zeit aus karrieretaktischen Gründen am liebsten bis zur Bundestagswahl 2021 irgendwie hochhalten will. Oder der von großen Sportportalen gern zitierte Sportphilosoph Gunter Gebauer, der in Sachen Bundesliga-Neustart meckerte, der Fußball sende gefährliche Signale während der Pandemie aus und werde seiner „Vorbildrolle“ nicht gerecht.

Der Fußball wird seiner Vorbildrolle nicht gerecht? Für diese Erkenntnis brauchte es weder ein neuartiges Corona-Virus noch eine Kritikwelle aufgrund eines Liga-Restarts, den manche für zu gefährlich hielten. Ein einfacher Blick nach Katar reicht aus, um fehlendes Verantwortungsbewusstsein von Klubs, Verbänden und Funktionären seit Jahren zu erkennen. Auf den WM-Baustellen ist es jedoch erstaunlich ruhig um die „Vorbildfunktion des Fußballs“. Wohl angemerkt ist es sowieso unklar, was überhaupt mit dem viel zitierten Begriff „Vorbild“ gemeint ist, auf welche Botschaften oder Signale er sich bezieht und warum der Profi-Fußball ihn sich überhaupt auf die Fahne schreiben sollte.

Oftmals fällt dieser Begriff in Sachen Gehälterdiskussionen und Ablösesummen. Das ist nicht jedoch nicht die Ursache der eigentlich notwendigen Kritik. Diese Themen hätten sich aufgrund des irgendwann zwangläufig zu Ende gehenden Wachstums des Fußballmarktes früher oder später von selbst erledigt. Durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus wurde dieser Prozess allenfalls beschleunigt.

Der Kreislauf ist nämlich so: Teilweise sehr fragwürdige Investoren und Fans spülen Geld in den Markt und ein Klub wirtschaftet gewinnorientiert – sprich: Erfolg generiert höhere Umsätze, bessere Spieler bedeuten mehr Erfolg, Geld lockt bessere Spieler an und so weiter. Der Fokus dürfte nicht nur darauf liegen, wie viel Geld Spieler verdienen, sondern vor allem darauf, von wem sie bezahlt werden. Und dort kommen Regime wie das Emirat Katar ins Spiel, die sich nicht nur die WM 2022 ergatterten, sondern mittlerweile auch eine gewichtige Rolle im europäischen Vereinsfußball spielen.

Anscheinend 1.400 Tote auf WM-Baustellen

Seit Beginn der Arbeiten an den Stadien im Jahr 2013 sollen bis 2019 bereits um die 1400 Gastarbeiter auf den WM-Baustellen ums Leben gekommen sein. Katarische Behörden weisen vor allem auf Atem-und Herzstillstände hin, die den Arbeitenden widerfuhr. „Diese Mitarbeiter und Angestellten arbeiten hier seit 2013 mit viel Mühe. Sie wurden seit Monaten nicht bezahlt und das Trinkwasser ist unverträglich“, wurde ein Sprecher von Arbeiter-Protesten im Jahr 2019 in Medienberichten zitiert und deutet an, dass die Bauarbeiter in 50 Grad Wüstenhitze nicht ausreichend mit sauberem Trinkwasser versorgt würden.

Ein weiterer Grund sind die Arbeitszeiten, die stark auf Hitzetote hindeuten. Aufgrund der gefährlichen Witterung hat der Staat zwischen Mitte Juli und Ende August die Tätigkeit auf den WM-Baustellen in der Mittagszeit verboten: Zwischen 11.30 Uhr und 15 Uhr soll die Arbeit ruhen. Eine Stichprobe der Deutschen Welle zufolge am 29. Juli 2018 mussten während der eigentlichen Mittagspause dennoch „mehr als ein Dutzend Bauarbeiter“ auf der Baustelle schuften, was einen klaren Rechtsbruch bedeute.

Lohnverzug, eingezogene Pässe und Schuften in der Mittagshitze

Eine Reportage aus dem vergangenen Jahr vom WDR-Format „Sport inside“ beleuchtete nepalesische Arbeiter, die monatelang auf ihren versprochenen Lohn warteten und wegen ihrer eingezogenen Pässe das Land nicht verlassen konnten. Ihre Familien in der Heimat sind auf regelmäßiges Einkommen angewiesen, das jedoch nicht ausbezahlt wird. Überstunden und Schuften in der gefährlichen Mittagshitze sind trauriger Alltag. Arbeiten bei schlechter gesundheitlicher Verfassung? Normal. Die vielen Baustellen-Toten kommen nicht von ungefähr. Dazu kommt eine schlechte Unterbringung in Zimmern, die teilweise von mehr als zehn Arbeitern gleichzeitig bewohnt werden. Wenn die FIFA zu Besuch ist oder sich reichweitenstarke Medien mit nicht versteckter Kamera ankündigen, werden diese Zimmer geschlossen und nur die geräumigen Zimmer mit weniger Bewohner vorgezeigt. Der einflussreiche Staat Katar führt den Fußball an der Nase herum.

Und die Bedingungen auf den Baustellen mögen angesichts vorheriger Projekte des Emirats kaum überraschen. 230.000 einheimische Bewohner zählt das gerade einmal 11.571 Quadratkilometer große Land. Dem gegenüber halten sich 1,6 Millionen Gastarbeiter im Wüstenstaat auf. Davon arbeiten aber nur rund 25.000 auf den Baustellen der WM 2022. Während das Turnier und die Zustände auf den Stadionbaustellen zumindest einigermaßen medial beleuchtet werden, ist die Situation auf anderen Baustellen unklar. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese Form moderner Sklaverei im Emirat seit Jahrzehnten trauriger Alltag ist.

Die FIFA verhält sich im Angesicht dieser Menschenrechtsverletzungen mehr als peinlich. So weißt der FIFA-Funktionär Frederico Addiechi, Leiter der Abteilung „Nachhaltigkeit und Vielfalt“, im Austausch mit dem Schweizer Nachrichtenportal „Nau“ die Vorwürfe zurück, die Arbeiter seien in zu engen Zimmern mit zu vielen Menschen untergebracht.

„Die vielen Kontrollen des Supreme Committees, von unabhängigen Firmen und der Gewerkschaften zeigen, dass dies keine korrekte Beschreibung der Situation auf den Stadionbaustellen ist. Wo Fehlverhalten in dieser Hinsicht festgestellt wird, werden die Firmen entsprechend sanktioniert.“

Addiechi reagierte so auf die Berichte der Gewerkschaft Unia, die auf den WM-Baustellen viele Arbeiterproteste mitorganisierte. Der Organisation zufolge verbesserte ihr ausgeübter Druck die Zustände sogar geringfügig, die zu Beginn der Arbeiten noch „katastrophal“ gewesen seien.

Druck ausüben, wie von Gewerkschaften geschehen, gelingt dem Fußball dagegen nur selten. Der Sport hängt ohnehin schon viel zu sehr am Tropf von Geldern aus den Emiraten. Der PSG-Vorsitzende Nasser Al-Khelaifi ist ein einflussreicher und regierungstreuer Geschäftsmann aus Katar.

Trainingslager des FC Bayern als Grund einer leichten Besserung?

Und auch der FC Bayern München zeigt keine moralischen Skrupel, mit den Scheichs aus Katar Geschäfte zu schließen. Der Rekordmeister fliegt jeden Sommer nach Doha ins Trainingslager. „Seit Bayern München Partner von Katar ist, hat es nachweislich eine Entwicklung in Sachen Menschen- und Arbeiterrechte zum Positiven gegeben“, rechtfertigte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge auf der Jahreshauptversammlung diese Zusammenarbeit. Was genau sich geändert haben soll, führte der Bayern-Funktionär dagegen nicht aus und lobt stattdessen jährlich die hervorragenden Trainingsbedingungen, die das Emirat dem Starensemble in der Saisonvorbereitung zur Verfügung stellen würde. Und selbst wenn sich die Menschenrechtssituation in Katar tatsächlich etwas gewandelt haben sollte, bleibt die Frage: Ist das tatsächlich ein Verdienst des FC Bayern? Oder hängt es eher mit dem Druck von Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften zusammen, die seit Beginn der Arbeiten zumindest ein wenig Licht ins Dunkel gebracht hatten, wie Katar mit ihren Gastarbeitern umgeht?

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Katar betreibt „Sportswashing“

Katar gibt sich weltoffen, der FC Bayern kassiert – das ist der Deal. Auf dem Ärmel ihres Trikots befindet sich das Logo von „Qatar Airways“, der staatlichen Fluglinie. Fragwürdige Sponsoren sind im Spitzenfußball omnipräsent. Dadurch können fragwürdige und einflussreiche Regime ihr Image aufpolieren und sich ein westlich geprägtes, weltoffenes Kleid übersteifen. Dieser Vorgang hat mittlerweile sogar einen Begriff: „Sportswashing“.

Es geht um Geschäfte, nicht die Moral. Ein weiteres Beispiel: Der Besitzer von Manchester City ist ein Sultan der herrschenden Familie in Abou Dhabi:  Issa Bin Zayed Al Nahyan. Der Scheich gilt sogar in seinem Land, in dem politische Gegner teils mit und teils ohne Gewalt einfach weggesperrt werden, als das „Schwarze Schaf“. Im Jahr 2009 veröffentlichte der Fernsehsender ABC ein Video, in dem Bin Zayed einen Getreidebauer grausam folterte und für sein Leben zeichnete. Noch einmal: Derselbe Mann ist heute Besitzer des Glamour-Clubs Manchester City und spült Milliardensummen in die Fußball-Kassen.

Das macht deutlich: Die viel zitierte Vorbildrolle des Fußballs reicht nur dorthin, wo sich Spieler, Trainer und Funktionäre auf den Tribünen trotz mehrerer Meter Abstand rein symbolisch im Freien eine Maske aufsetzen. Bereits fünf Monate nach der langen Corona-Pause des Sports ist es sogar um die Lippenbekenntnisse des angeblich nachhaltigeren Wirtschaften ruhiger geworden. Die Frage danach, wer die Goldgrube Fußball mitfinanziert und damit seinen eigenen politischen Ruf aufpoliert, blieb aufgrund der Corona-Problematik sogar noch mehr auf der Strecke als zuvor. Transfers in dreistelliger Millionenhöhe haben den Corona-Berg sowieso schon wieder passiert. Beispiel gefällig? Der deutsche Nationalspieler Kai Havertz für 100 Millionen Euro Ablöse zum FC Chelsea. Damit ist der 21-Jährige nebenbei bemerkt der teuerste deutsche Fußballer aller Zeiten.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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