Der Vatikan – eine Macht mit tausend Armen: Wie das Kirchenrecht die Vertuschung sexuellen Missbrauchs legalisiert

Die katholische Kirche ist immer noch ein mächtiger globaler Spieler. Neben dem weltumspannenden Glaubensnetz genießt sie das Privileg, ihre oftmals undemokratische Vorstellung von Recht und Gesetz inmitten anderer Länder auszuleben. Mit dem Kirchenrecht herrscht die Glaubensorganisation weit über den Vatikan hinaus und genießt exterritoriale Sonderrechte. Der Rechtskatalog ergibt sich aus biblischen Handlungsmaximen und ist in Deutschland nahezu unangetastet. Passieren im kirchlichen Umfeld also Straftaten wie Kindesmissbrauch, sind die Täter ohne den Aufklärungswillen der Liegenschaften nur schwer mit weltlichem, also unserem Recht greifbar. Unter Papst Franziskus brachte der Vatikan zwar entscheidende Reformen auf den Weg. Jedoch zeigt sich mit dem Kirchenrecht, wie mächtig die Weltreligion auch heute noch ist.

Mit 1,3 Milliarden Mitgliedern ist die katholische Kirche die größte Institution der Welt. Der Vatikan ist der einzige völkerrechtlich anerkannte Gottesstaat mit eigenem Gebiet. In Deutschland unterstützt der Staat die Kirche als Steuereintreiber, um ein riesiges Netzwerk an Altenheimen, Krankenhäusern, Schulen oder Jugendorganisationen zu finanzieren. Doch hinter geschlossenen Kirchentüren geschehen auch grausame Dinge: Zum Beispiel Kindesmissbrauch.

2010: Erste bekanntgewordene Missbrauchsskandale

Erst im Jahr 2010 geriet das Thema Kindesmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen in die breite Öffentlichkeit. Beispielsweise wurde bekannt, dass sich zwei Jesuitenpater und ein Lehrer namens Peter R. am Berliner Canisius-Gymnasium an hunderten Schülern vergriffen hatten. Nur Peter R. musste sich 2019 vor einem Kirchengericht (kein staatliches Strafgericht) verantworten und wurde zum Entzug seines Priesterstatus verurteilt. Danach folgte eine große Welle weiterer Missbrauchsskandale, die im Umfeld der katholischen Kirche bekannt wurden. Eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz ergab, dass die katholische Kirche allein in Deutschland von 1946 bis 2014 Hinweise auf 3.677 Betroffene von sexuellen Übergriffen in den Akten verzeichnete. 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute waren in den Dokumenten vermerkt. Vor 2010 war dieses Ausmaß an Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche kaum öffentlich bekannt. Seitdem verzeichnete die Kirche in Deutschland zwar einen Rückgang an Mitgliedern. Die Anzahl an katholischen Christen weltweit steigt dagegen kontinuierlich.

Was in den Akten und Archiven steht, bildet jedoch bei weitem nicht die ganze Wahrheit über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs ab. Das Kirchenrecht spielt bei der Vernichtung von Strafakten eine entscheidende Rolle. Dieses schreibt sogar ausdrücklich vor, dass Dokumente über „Sittlichkeitsverstöße“ spätestens zehn Jahre nach Verurteilung durch den Vatikan zu vernichten sind.

„Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.“

Kirchenrecht: Can. 489 – § 2

Als Reaktion auf die Skandale errichtete der Trierer Bischof Stephan Ackermann eine Telefonhotline, in der Angehörige und Betroffene Missbrauchsfälle melden können. Bereits nach wenigen Wochen registrierten die Initiatoren rund 13.000 Anrufe von zirka 2.600 Telefonanschlüssen. Der Augsburger Allgemeinen Zeitung sagte ein Sprecher, dass die meisten gemeldeten Fälle in den 70er und 80er Jahren stattgefunden hätten. Folgt man dem zuvor zitierten Paragraphen des Kirchenrechts dürften zu diesen Vorfällen also auch kaum noch Informationen in den Archiven der Kirche zu finden sein.

Unter dem Radar der Öffentlichkeit

Seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten können kirchliche Amtsträger also unter dem Radar der Öffentlichkeit grausame Taten gegenüber Kindern begehen und dafür von der Kirche sogar „verurteilt“ werden, ohne diese Fälle öffentlich zu machen. Dass solche Grausamkeiten zu Zeiten des heiligen römischen Reiches nicht mit unserer Gerechtigkeitsvorstellung vergolten wurden, weil damals nur das christliche Rechtssystem in den europäischen Königreichen galt, überrascht nicht. Mittlerweile jedoch leben wir in einem säkularisierten Staat. Und trotzdem ist es für den Staat nahezu unmöglich, erfolgreiche Ermittlungen gegen eine kirchliche Organisation zu tätigen. Und mehr noch: Die Kirche ist trotz all ihrer Vertuschungen von Missbrauchsfällen für die deutsche Justiz kaum greifbar. Denn für Bedienstete der Kirche gilt im Dienst erst einmal nur das Kirchenrecht. Sexueller Missbrauch im kirchlichen Umfeld wird also vom Vatikan selbst überprüft, bearbeitet, bestraft oder eben vertuscht.

Staatliche Ermittlungen werden vom Vatikan nicht nur durch vernichtete Akten erschwert. Gegen Kardinäle und Bischöfe können zwar Anzeigen wegen Missbrauch oder Strafvereitelung gestellt werden, die Aussicht auf Erfolg geht jedoch gegen Null. Beispiel: Im US-kontrollierten Territorium Guam erstattete ein Betroffener von sexuellem Missbrauch Anzeige gegen den Vatikan. Der ehemalige Erzbischof von „Agana“ namens Anthony Apuron hat sich an Kindern vergriffen und wurde dafür kirchenrechtlich verurteilt. Der Vatikan gehörte deshalb zu den Angeklagten, weil Apuron „zu allen einschlägigen Zeiten Angestellter des Heiligen Stuhls“ und direkt durch den Papst ernannt worden sei, schreibt die Website „katholisch.de“. Nach Informationen der Zeitung „Guam Daily Post“ weigerte sich der Vatikan jedoch, die Gerichtsdokumente entgegenzunehmen. Selbst die US-Regierung habe sich eingeschaltet, um die Informationen zu verschicken – ohne Erfolg. Der Ankläger zog seine Anzeige zurück, denn er sah keine Möglichkeit auf Erfolg.

Im Jahr 2013 verklagte ein US-Anwalt den damaligen Papst Benedikt XVI, weil ein Pfarrer in Wisconsin über 100 gehörlose Kinder sexuell missbraucht haben soll. Der Täter stand Mitte der 90er unter der Obhut Benedikts, weshalb der Jurist eine eventuelle Vertuschung des späteren Pontifex überprüfen lassen wollte. Der Vatikan tat die Klage nur als „Publicity-Aktion“ ab – zu einem Prozess kam es nie.

Auch der deutsche Kardinal Rainer Maria Woelki wurde im Mai 2021 angezeigt – wegen Verstößen gegen das Kirchenrecht, da er in Fällen des Missbrauchs nicht innerhalb 30 Tage den Vatikan kontaktiert haben soll. Was ist daran im weltlichen Recht relevant? Richtig! Erst einmal gar nichts. Das Ergebnis steht aber noch aus. Im schlimmsten Fall droht ihm eine Absetzung.

87 beschuldigte Priester allein im Kölner Erzbistum

Woelki war auch in den jüngsten Skandalen um sexuellen Missbrauch im Fokus, als im Frühjahr bekannt wurde, dass ein Pfarrer am Erzbistum Köln über Jahre hinweg Kinder missbraucht haben soll und seinen Posten dennoch behielt. Im Frühjahr 2021 rief das Erzbistum eine Kommission ins Leben, um das Ausmaß sexueller Gewalt in Köln zu prüfen. Das Ergebnis: Fast alle Straftaten kirchlicher Bediensteter sind verjährt. Die Studie führt mindestens 135 potenzielle Opfer und 87 beschuldigte Bedienstete auf. Ob und welche Akten etwa für solche Untersuchungen überhaupt herausgegeben werden, entscheiden die Bistümer selbst.

Die einzigen Instrumente, die Ermttlungsbehörden gegen die katholische Kirche in der Hand hätten, wären Razzien und Hausdurchsuchungen, um Dokumente und Beweise für „Strafvereitelung“ kirchlicher Amtsträger sicherzustellen. Das allerdings passiert überhaupt nicht. Kirchenrechtler Nicolaos Gazeas wunderte sich darüber bei „domradio.de“:

„Das überrascht in der Tat bei der teilweise doch recht detaillierten Nachrichtenlage, wie man sie jedenfalls den Medien entnehmen kann. Die Vertuschung als solche kann auch eine Straftat sein, nämlich eine Strafvereitelung. Wenn ich dadurch dafür Sorge trage, dass jemand anderes nicht oder nicht so wie er eigentlich bestraft werden sollte, bestraft wird, mache ich mich selbst strafbar, wenn ich zum Beispiel Akten vernichte.“

Kirchenrechtler Nicolaos Gazeas bei domradio.de

Gazeas sei jedoch „kein öffentlicher Fall“ bekannt, in der eine Durchsuchung durch die Staatsanwaltschaft erfolgt sei. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung äußerte sich ein Oberstaatsanwalt aus Norddeutschland, warum es zu keinen Hausdurchsuchungen in kirchlichen Einrichtungen kommt: „Wenn man da wirklich etwas verstecken will, findet das keiner.“ Er verwies auf die vielen Liegenschaften, über die die Kirche verfüge. Aber wir wissen auch: Belastende Dokumente zu vernichten ist zwar nach unserem weltlichen Rechtsverständnis strafbar. Nach Kirchenrecht aber ist es nach dem Tod des kirchenrechtlich Angeklagten oder Verurteilten – wie beschrieben – sogar Pflicht.

Kontakt mit Staatsanwaltschaft nach eigenem Ermessen

Das Kirchenrecht hat nur wenig mit einem demokratischen Rechtsverständnis zu tun. Denn die Richtlinien der deutschen Bischofskonferenz sehen vor, dass ein Missbrauchsvorwurf zuerst von einem internen Beauftragten der Kirche geprüft wird. Auch nach einer Überarbeitung der Regelung 2002 ist der Kontakt zu den Behörden nicht verpflichtend. Vielmehr soll dem Beschuldigten geraten werden, sich selbst anzuzeigen. Erst dann soll „gegebenenfalls“ die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden.

Franziskus verschärfte das Kirchenrecht

Anfang Juni verschärfte der Vatikan das Kirchenrecht, um stärker gegen Missbrauch vorgehen zu können. Bislang war sexueller Missbrauch kirchenrechtlich – kein Witz – lediglich als Verstoß gegen „besondere Verpflichtungen“, beispielsweise dem Zölibat zu werten. Nun gelten Sexualstraftaten gegen Minderjährige sowie Erwerb und Besitz von Kinderpornographie als eindeutiger Verstoß gegen die Sittlichkeit. Beschuldigte bei der Staatsanwaltschaft zu melden bleibt jedoch weiterhin für die Kirche nur eine Option. Jedoch verpflichtet sich die Organisation nun, Aussagen im Falle staatlicher Ermittlungen nicht mehr geheim halten zu dürfen. Ebenfalls entfällt die Schweigepflicht, die Opfern auferlegt wurde. Missbrauchsfälle müssen zudem alle dem Vatikan gemeldet werden. Dass diese Reformen erst jetzt durchgeführt werden, zeigt jedoch auch, wie lange die katholische Kirche ganz legal und ohne staatlichen Einfluss handfeste Gewalttaten vertuschen, intern abarbeiten und sogar Opfer unter Druck setzen konnte.

Ebenfalls bleibt die zuvor erwähnte Vernichtung der Strafakten bereits toter Kirchenfunktionäre weiterhin Pflicht. Täter werden lediglich von der Kirche mit Amtsenthebung und dem Verlust der Priesterweihen bestraft. Betroffene können weiterhin nicht als Kläger auftreten und der Prozess bleibt kirchenintern, nicht öffentlich. Von einer eventuellen Entschädigung der Opfer kann ohnehin nicht die Rede sein, so etwas sieht das Kirchenrecht nicht vor.

Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte gegenüber der „Tagesschau“, das Kirchenrecht mache nun einen kleinen Schritt „zu einer Rechtskultur, die sich ein wenig an den Rechtsstandard annähert – ein wenig.“

Weltenrechtliche Prozesse für Priester fast unmöglich

Um es sich nochmals auf der Zunge zergehen zu lassen: Die katholische Kirche ist in Deutschland im Wesentlichen einem Rechtssystem unterworfen, dass mit der Vorstellung eines modernen Staates nichts zu tun hat. Mitten in Deutschland oder anderen Staaten gilt ein Rechtsraum, den ein Gottesstaat in Rom bestimmt, aber nicht unser Parlament. Findet innerhalb der Kirche sexueller Missbrauch statt, prüft der Vatikan diese „Sittlichkeitsverstöße“ intern, löscht Akten von Verstorbenen Tätern und zwang Opfern bis vor kurzem sogar eine Schweigepflicht auf. Täter werden zur Bestrafung des Amtes erhoben, müssen jedoch kaum staatliche Prozesse oder gar Gefängnisstrafen befürchten. Staatliche Behörden können zwar ermitteln, tun dies jedoch nicht – sei es aufgrund mangelnder Erfolgsaussichten oder weil ihnen die Handhabe fehlt. Mitten im säkularisierten Deutschland existiert ein religiöser Staat im Staat.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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