Danke Amazon! Eine Glosse um kassenlose Supermärkte und Hightech-Friseure

Der stationäre Einzelhandel liegt in Folge der politischen Maßnahmen gegen das Coronavirus am Boden. Der Tech-Riese Amazon ist derweil einer der ganz großen Krisengewinner – und erobert nun das brach liegende Terrain. In London bewirtschaftet Amazon seit März den ersten kassenlosen Supermarkt Europas. Auch das Friseur-Geschäft will der Gigant nun erschließen. In der britischen Hauptstadt eröffnet der Konzern bald seinen ersten Salon. Kunden können über eine App per Augumented Reality Frisuren auswählen. An Amazon kommen immer weniger Unternehmen vorbei, Konkurrenz verspürt der Tech-Konzern spätestens seit Corona ohnehin nicht mehr.

Eines muss man den Verantwortlichen bei Amazon lassen: Dass die Vorstellungen des ersten offiziellen Amazon-Friseursalons fast pünktlich mit der Beendigung des monatelang andauernden Lockdowns in Großbritannien zusammenfiel, kann man als gutes Näschen für einen perfekten Zeitpunkt bezeichnen. Auf 140 Quadratmetern und über zwei Stockwerke erstreckt sich der neue Prototyp des Haarstylings, der nahe einer großen Einkaufsstraße im Londoner Stadtteil Spitalfields „in den kommenden Wochen“ für Kunden geöffnet sein soll, heißt es auf der Amazon-Blog-Seite. Bis dahin will der Konzern nur Kunden ihres naheliegenden 5.000 Mitarbeiter umfassenden Logistikzentrums bedienen. Nicht schlecht. Ausgezahlte Löhne an Mitarbeiter fließen so zum Teil direkt wieder an Amazon zurück – mit einem ganz normalen Friseurbesuch. Gewieft, wirklich gewieft – man kann es nicht anders ausdrücken.

Wobei, ganz normal wird ein Friseurbesuch im neuen „Amazon Hair-Salon“ dann doch nicht sein. Zumindest noch nicht, wer weiß denn schon wie die Friseure der Zukunft ausgestattet sein werden? Vielleicht hat Amazon mit ihrem technisch innovativ ausgestatteten Friseursalon ja ähnliches „Glück“ was Zukunftsvisionen angeht, wie mit dem Zeitpunkt der Eröffnung. Sie wollten schon immer mal sehen, ob Ihnen die Frisur von Brad Pitt oder Cameron Diaz steht? Tja, im neuen Amazon-Salon können Sie diese Haarschnitte und hunderte mehr per Tablet nun „anprobieren“ – virtuell, versteht sich.

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Der Laden wird natürlich nicht nur für solche Spielereien mit Tablets ausgestattet. Etwa können die Kunden mit den Endgeräten eine Reihe von Produkten finden, mit all den relevanten Informationen. Sehen Besucher ein Beauty-Produkt als kaufenswert an, kommt ein QR-Scan zum Einsatz und das Paket wird nach Hause geliefert. Die Beauty-Produkte selbst – Sie ahnen es – werden natürlich über Amazon vertrieben. Die Schönheits-und Kosmetik-Branche ist ein weiterer Markt, den Amazon bereits im Jahr 2019 ausbaute. Dieser Shop ist, anders als die üblichen Online-Handelsmöglichkeiten es hergeben, auch für Großbestellungen geeignet – etwa für Friseure, die Beauty-und Hygieneprodukte kaufen müssen.

Keine Angst. Dieser Shop ist, ganz Amazon-Like, bislang nur Online zu finden und bindet Hersteller auf der ganzen Welt komprimiert mit ein. Stationäre Verkaufsmöglichkeiten hätten sich auch nur unzureichend über die Pandemie retten können. Aber was nicht ist kann ja noch werden? Ladenflächen an den belebtesten Plätzen dürften bald zur Genüge frei werden- Im Zuge der Krise mussten Großkonzerne in Großbritannien wie die Modekette „Arcadia“ bereits Insolvenz anmelden. 25.000 Jobs sind in dieser Branche in Gefahr. Auch in Deutschland werden allerhand Ketten aus den Innenstädten verschwinden, darunter Adler, Karstadt und Kaufhof, Hallhuber, Esprit, Douglas………..

Ganz zu schweigen von den hunderten kleinen Cafés und Restaurants, die ihren Platz im Namen des Infektionsschutz räumen müssen. Aber auch für Klein-und Mittelstandunternehmen hat unsere Weltgestalter-Clique aus dem Silicon-Valley die Rettung: Der Onlinehandel natürlich! Dafür bietet Amazon gebeutelten Unternehmern ganz uneigennützig nämlich eine Plattform. Anfang April titelte der Wohltäter: „Vorhang auf! Wie wir unsere lokalen Verkaufspartner:innen jetzt noch sichtbarer machen.“ Noch sichtbarer? Au yeah! Da werden die Klein-und Mittelständler, die im Zuge der Corona-Politik über mehrere Monate hinweg dicht machen müssen, sicherlich ganz rot vor Rührung.

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Die Idee: Amazon hat seine Suchfunktionen nachjustiert, um gezielt regionale Klein-und Mittelstandsunternehmen zu suchen und bei ihnen Online Produkte zu kaufen. Eine super Idee! Diese Funktion habe ich natürlich gleich genutzt, habe regionale Unternehmen durchstöbert, ihr Sortiment beleuchtet…und dann auf ihrer eigenen Homepage eingekauft. Es wäre den Amazon-Machern bestimmt peinlich gewesen, im Zuge ihrer Wohltätigkeit auch noch Verkaufsprovision von den Klein-und Mittelstandsunternehmen einnehmen zu müssen. Gern geschehen. „Darüber freuen sich nicht nur unsere Kundinnen und Kunden, sondern auch unsere Verkaufspartnerinnen und Verkaufspartner profitieren davon – das nennen wir eine klassische Win-Win-Situation!“, heißt es auf der Blog-Seite des Konzerns. Kleine und mittlere Einzelhandels-Unternehmen hätten im vergangenen Jahr 85 Prozent ihres Umsatzes über Amazon erzielt, so eine weitere Info im Partnerschafts-Text.

Aber Jeff Bezos kann nicht alle gleichzeitig „retten“. Und Handel im herkömmlichen Sinn ist Amazon sowieso zu langweilig. Supermärkte ohne Kasse – das wär’s doch, oder? Keine lästigen „Hallos“ und „Ciaos“ mit den Kassierern mehr (dafür muss ich mich immer besonders überwinden, gerade im Lockdown). Das braucht die Welt unbedingt. Ein Supermarkt, der 24/7 offen hat und keiner mehr irgendeine Interaktion mit anderen tätigen muss. (Im Friseursalon kann man sich ja, danke Jeff Bezos, zum Glück per App und nicht mehr durch einen Menschen beraten lassen).

Amazon Fresh: Der Supermarkt ohne Kassen

Gute Nachrichten! Im Londoner Wembley-Park eröffnete auf 2.500 Quadratmetern der erste „Amazon-Fresh-Store“, der exakt nach solchen Mustern funktioniert. Abgebucht wird dort über eine App. Seit 2018 hatte der Konzern in den USA mit kleineren Filialen bereits das Konzept „Amazon-Go“ ausprobiert. Möglichkeiten zu investieren hat der Konzern genug. Durch die Coronakrise verdreifachte Amazon seinen Gewinn im Jahr 2020 – echte Wohltäter werden eben besonders in Krisenzeiten reich belohnt.

Der Londoner Wembley-Park befindet sich ohnehin in Umgestaltung, da passen die Weltenbastler aus den USA doch perfekt ins Konzept. 2027 soll die Gegend über 20 Millionen Besucher jährlich verzeichnen. Prognostiziert werden Einzelhandels-Umsätze von knapp 330 Millionen Pfund (380 Millionen Euro). Unweit des Amazon-Wunders befindet sich das große Einkaufszentrum „London-Designer-Outlet“, sowie das Wembleystadion, Europas zweitgrößte Arena.

Unweit des Amazon-Supermarktes steht ein riesiges Einkaufszentrum in London (Quelle: https://www.londondesigneroutlet.com/stores/asics/)

Wäre da nicht noch etwas Platz für weitere Amazon-Friseure? Liebe Leser, jetzt müssen Sie wirklich stark sein: Amazon plant derzeit nicht, weitere Filialen ihrer zukunftsweisenden Haarfabrik zu eröffnen. Und die Stylingkünste in ihrem neuen Spielzimmer übernimmt der Konzern auch nicht selbst (Man kann es zugegebermaßen nachvollziehen, dass Jeff Bezos nicht wirklich Ahnung von Haaren hat). In London arbeitet Amazon mit der stadtbekannten Friseurin Elena Lavagni zusammen, die mit ihrem Team den Friseur der Zukunft bespielen soll.

Was steckt hinter dem Friseur-Vorstoß?

Was steckt also hinter dem Vorstoß unserer Tech-Majestät, unsere Friseursalons revolutionieren zu wollen? Vielleicht hat John Boombri, Amazon-Chef in Großbritannien die Antwort: „Wir wollen diesen einzigartigen Raum für unsere Kunden noch einen Schritt weiter entwickeln. Es wird ein Ort sein, an dem Sie mit der Industrie zusammenarbeiten und neue Technologien testen können.“

Ich für meinen Teil habe noch Hoffnung, dass unsere höchste aller Autoritäten doch noch den stationären Einzelhandel mitsamt dem körperlichen Dienstleistungssektor erobert. Die Worte von Boombri klingen verdammt nach einem Phänomen, was man in den Marketing-Kreisen „nudging“ nennt. Nudging arbeitet mit Belohnungsversprechen, wenn man eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch nimmt.

Die Versprechen sind einfach zu durchschauen: Friseure, die ihren eigenen Salon betreiben, nutzen Amazon als Bestellplattform, anstatt auf herkömmliche Lieferwege zurückzugreifen. Die Frisuren-Apps sind, dank des perfekten Marketings, bald immer häufiger in Salons zu finden und werden von Amazon abgekauft. Als Prototyp und Marketing-Platz dafür dient der Laden, der nun in London aufmacht – mit vielen Gästen, die dem neuen Etablisment allein aus reiner Neugier heraus mal einen Besuch abstatten. Je mehr Friseure sich dann auf das Marketing einlassen und auf die Amazon-Kooperationen umsteigen, desto weniger können sich Konkurrenten diesen Entwicklungen verwehren.

QR-Code zur Kontaktverfolgung?

Sogar was die Pandemie angeht, ist das Amazon-Modell wasserdicht – mögen die Virusorgien noch so heftig in ihren Aerosolschwaden wüten. Warum? Na weil die Kontaktnachverfolgung in den Amazon-Läden durch die umgreifenden Techniken kein Problem sein wird. Wir erinnern uns: Mit einer QR-Funktion können Kunden in sekundenschnelle ihre Wunschprodukte bestellen. QR-Funktion? Da habe ich doch etwas gelesen…

Quelle: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/corona-warn-app-version-2-0-1889868

Überzeugt? Amazon ist nicht nur ein Wohltäter, weil es dafür sorgt, dass gebeutelte Kleinhändler über die Plattform ihren Handel fortführen können. Amazon könnte auch unseren Gesundheitsämtern dabei helfen, diese allseits erwähnte Pandemie einzudämmen. Die QR-Funktionen sind ja schon da. Und mal Hand aufs Herz: Lieber die Friseure legen sich endlich allesamt die neueste Amazon-Technologie in ihrem Laden zu, als dass sie wieder für mehrere Monate schließen müssen. Den nervigen Datenschutz wird man ja wohl noch ein wenig eindämpfen können – wir haben ja alle nichts zu verbergen, stimmts?

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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