Die Akte Joshiko Saibou zeigt auf, wie sehr der Sport am Tropf der Regierungspolitik hängt

Der Profi-Basketballer Joshiko Saibou zeigte sich auf der Massendemonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin am 1. August – und wird von den Baskets Bonn fristlos entlassen. Die Begründung vonseiten des Klubs ist überwiegend haltlos. Es zeigt sich: Die Entlassung resultiert aus einer Bittsteller-Rolle des Sports gegenüber der Politik, die sich während der Coronakrise entwickelt. Diese asymmetrische Beziehung geht nun spätestens im Fall Saibou viel zu weit.

Bereits vor der Großdemonstration in Berlin am 1. August tat Joshiko Saibou auf Instagram seinen Unmut über die Corona-Politik der Bundesregierung kund. Mit dem Hashtag Apell an den Verstand warnte er davor, zu wenig zu hinterfragen, deutete einen in der Krise verengten Meinungskorridor an und sprach sich gegen die Maskenpflicht aus. Alles in einem ein sicherlich streitbares, jedoch ein völlig legitimes Statement zur aktuellen Lage in Deutschland und der Welt.

Das war Ende Mai. Der Focus will zudem auf Instagram Fotos mit Freundin und Weitspringerin Alexandra Wester gesehen haben, wie sich das Paar beim Einkaufen und im Fitnesstudio ohne Maske zeigten. Entweder löschten die Sportler diese Beiträge wieder oder der Focus zieht sich hier etwas aus den Fingern. Sowohl auf Saibous als auch auf Westers Instagram-Seite ist derlei Bildmaterial nämlich nicht zu sehen. Seltsam.

Ebenfalls nicht mehr zu sehen sind die Bilder, die das Sportler-Paar auf der Großdemonstration am 1.08. in Berlin zeigt. Saibou löschte die Foros. Schade. Denn nun ist der Zeitpunkt des Uploads nicht mehr zu bestimmen, der eine entscheidende Rolle in rechtlichen Fragen gespielt hätte. Hintergrund: Die Demonstration wurde gegen 15.40 Uhr von der Polizei aufgelöst. Die meisten Demonstranten blieben trotzdem. Eine Schutzmaske und mindestens 1,5 Meter Abstand waren Teil der Demonstrationsauflagen, die Wester und Saibou wie viele andere Teilnehmer verletzt haben sollen. Ist die Demonstration jedoch aufgelöst, gelten diese Bestimmungen nicht mehr. Wenn das Bild von Saibou, das als Nachweis für „Verfehlungen“ gilt, also nach der offiziellen Kundgebung entstand, hat der Basketballer noch nicht einmal gegen geltende Corona-Regelungen verstoßen. Denn die Kontaktbeschränkungen und das Abstand-Halten sind nach den Berliner Verordnungen vom 21. Juli nur noch eine Empfehlung, jedoch keine Pflicht mehr.

Der rbb schreibt hierzu:

„Bereits zum 27. Juni sind die Kontaktbeschränkungen weggefallen. Es dürfen sich wieder beliebig viele Personen treffen, die in verschiedenen Haushalten leben können. Bisher durften sich zwei Haushalte oder bis zu fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten.“

Bemerkenswert, dass die Frage nach den wirklichen Regelverstößen anscheinend weder von den großen Medien, noch von der BBL, geschweige denn den Baskets Bonn ausreichend geprüft wurden. Laut dem offiziellen Statement seines ehemaligen Arbeitgebers handelte der Klub aufgrund von „Verstößen gegen Vorgaben des laufenden Arbeitsvertrags als Profisportler“.

In einer Mitteilung schreibt der Verein:

„Die Vereine der BBL arbeiten gerade akribisch an Hygienekonzepten für die Zuschauer in der nächsten Saison und an speziellen Arbeitsschutzrichtlinien für die Aktiven. Deshalb können wir ein permanentes Infektionsrisiko, wie es der Spieler Saibou darstellt, weder gegenüber seinen Arbeitskollegen in unserem Team noch gegenüber anderen BBL-Teams im Wettkampf verantworten“

Ein permanentes Infektionsrisiko? Fakt ist: Weder nach den ersten Hygienedemos, noch nach den massenhaften Black-Lives-Matter-Protesten im Juni mit unter anderem rund 30.000 dicht gedrängten Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz ließen sich Folgen für die deutschlandweite Anzahl an bestätigten Neuinfektionen nachweisen. Und nein: Auch auf den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt gab es viele Verstöße gegen die Hygieneauflagen. „Wenn Hygienevorschriften lächerlich werden“, kommentierte der Tagesspiegel die Verletzungen der Demonstrations-Auflagen damals. So viel zur Doppelmoral der etablierten Medien.

Also: Kein einziger Corona-Ausbruch konnte bislang im Rahmen einer Kundgebung nachgewiesen werden, die unter freien Himmel stattfand – ein Faktor, der die Ausbreitung von Aerosolen deutlich abschwächt, schreibt etwa die Apotheken-Umschau. Ja, die Demonstranten trugen in Berlin mehrheitlich keine Schutzmasken, deren medizinische Wirkung ohnehin umstritten ist. Ja, die Abständsregeln wurden vermehrt nicht eingehalten. Ob Saibou selbst diesen Abstand ebenfalls nicht ausreichend einhielt, kann abschließend jedoch nicht einmal beweisen werden. Dazu fehlt Bildmaterial.

Wen aus dem Team soll Joshiko Saibou anstecken?

Was macht ihn also zu einem „permanenten Infektionsrisiko“? Hätte Saibou sich tatsächlich auf der Demonstration mit dem Coronavirus angesteckt, hätte der Basketballer noch genügend Zeit gehabt, im Falle einer Ansteckung die Wartezeit von zehn bis vierzehn Tagen Quarantäne abzusitzen. Die BBL-Saison soll erst am zweiten November-Wochenende starten. Die Baskets befinden sich längst noch nicht in der Saisonvorbereitung. Zudem ist davon auszugehen, dass sich die Spieler vor Trainingsbeginn ohnehin noch einer Testreihe unterziehen müssen.

Saibou hatte noch nicht einmal die Chance, sich an ein geltendes Hygienekonzept zu halten. Aufgrund seiner abweichenden Meinung unterstellt der Klub ihrem Profi einfach, er könne und werde die künftig ausgehandelten Vorgaben vermutlich nicht einhalten. Das ist grotesk. Dass ein Sportler zwischen Privat und Beruf entscheiden kann und sich im Rahmen seines Jobs auch Regeln unterzieht, gegen die er sich selbst ausspricht, kam dem Verein wohl nicht in Frage.

Auch wenn es sowohl für Wester als auch für Saibou ein Stolperstein in ihrer Karriere bedeutet, sich öffentlich für eine medienunliebsame Protestbewegung stark zu machen, bleibt die Hoffnung, dass sich weitere Sportler aus ihrem engen Korsett befreien. Es sagt viel aus, wie sowohl Saibou als auch Wester auf die Entlassung bei den Baskets Bonn reagierten. In einem weiteren Instagram-Beitrag sagte der deutsche Nationalspieler:  „Ich habe immer geglaubt, bei den Telekom Baskets steht Toleranz an oberster Stelle, aber jetzt wird mir hiermit das Gegenteil bewiesen.“

Freundin Wester sprach sogar davon, dass Sportler immer noch wie „Sklaven“ behandelt würden. Eine zugegeben sehr polemische Aussage. Jedoch zeigen diese Worte eine Art von Verzweiflung, in der sich auch viele weitere Sportler befinden könnten.

Es steckt mehr hinter Saibous Entlassung, als Bedenken für die Sicherheit der Mitarbeiter und Mitspieler. Diese angebliche Gefahr erscheint mehr ein Vorwand dafür, einen Klotz in den Verhandlungen mit den Gesundheitsämtern loszuwerden. Das ist offensichtlich, wenn man allein das Statement der Bonner genauer unter die Lupe nimmt. An Saibou wird ein Exempel statuiert, um andere Sportler vor unliebsamen Haltungen zu warnen. Warum? Ganz einfach. Der Sport hängt in der Coronakrise so sehr am Tropf von Politik und Behörden, wie selten zuvor. Das macht ihn unmündig und höhrig.

Asymmetrische Abhängigkeit von der Politik

Das asymmetrische Abhängigkeitsverhältnis zeichnet sich so ab: Kein „Go“ von der Politik, kein Sport. Kein Sport, keine Arbeitsplätze in Gastronomie, Medien, Ticketing, im Betreuerstab und so weiter. Der Basketball in Deutschland muss in die Gänge kommen, ansonsten steht er vor dem Aus. Das macht Verbände und Klubs beeinflussbar. So beeinflussbar, dass sie sich nicht mehr trauen, Dinge zu hinterfragen und sich in kritische Fahrwasser zu begeben. Jedes kritische Wort könnte das Aus eines Klubs bedeuten. Das ist zutiefst gefährlich.

Der deutsche Basketball etwa lebt noch viel mehr von den Zuschauereinnahmen, als der Fußball. Doch vor allem von Sponsoren sind die BBL-Klubs abhängig, die rund zwei Drittel aller Einnahmen ausmachen. Ein Medienbashing aufgrund der politischen Haltung eines Spielers macht sich in den Verhandlungen mit Geldgebern nicht gut. Ebenso wenig ein auf Dauer stillgelegter Spielbetrieb. Die einzige Hoffnung ist die Gnade der Gesundheitsämter, vielleicht doch noch den ein oder anderen Zuschauer in die Halle zu lassen. Die Verhandlungsbasis ist ungleich. Der eine will, der andere gibt. Da gibt es keinen Raum für unliebsame und umstrittene Haltungen.

Sport und regierende politische Kräfte sind näher zusammengerückt

Im Gegenteil. Bereits in der abgelaufenen Bundesliga-Saison zeigte sich, dass Sport und regierende Politik über die Coronakrise näher zusammengerückt sind. Die DFL und die Klubs wurden sogar zu Sprachrohr der Regierung. Auf dem Trikotärmel beworben etwa alle Klubs die höchst umstrittene Corona-Warn-App. Jeder Spieler trug das politische Statement mit sich rum, gefragt wurde keiner. Die Sportler werden in ein politisches Korsett gezogen, um durch die Nähe zur Politik den Fortbestand des Spielbetriebs zu erleichtern. Der Sport wird politisch. Wie weit diese politische Wirkung reicht, bestimmen derzeit jedoch nicht die Sportler und Funktionäre, sondern die regierende Politik selbst.

In Sachen Black-Lives-Matter drückte die DFL ein Auge zu, als Spieler wie der Dortmunder Jadon Sancho bei einem Tojubel mit dem Satz „Justice for George Floyd“ ein Zeichen gegen Polizeigewalt setzten. Normalerweise untersagt die DFL, politische Botschaften während des Spiels auszusenden. Den Spielern Raum für Statements und Zeichen zu geben, ist nicht unbedingt schlecht. Was aber, wenn ein Spieler sich berufen fühlt, die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen zu hinterfragen? Richtig! So etwas müssen die Verbände dann bitteschön auch dulden. Ich sage: Gebt den Spielern ruhig den Raum, ihre Plattform zu nutzen. Aber dann bitte für alle Meinungen, die sich auf dem Boden unseres Grundgesetzes befinden. Und wer die Corona-App bewerben will, kann das gerne tun. Allen Spielern jedoch ein solches Trikot mit einer solchen Aufschrift überzustreifen, damit macht sich der Sport zum verlängerten Arm der Regierung.

Dem Sport bleiben zwei Möglichkeiten

Für den Sport bleiben nur zwei Möglichkeiten. Entweder, er entwickelt sich wieder zu einem apolitischen Raum, in dem die Unterhaltung der Fans im Vordergrund steht. Das hieße jedoch, dass auch Black-Live-Matters-Unterstützungen und das Bewerben von Corona-Apps eingestellt werden müssten. Politische Äußerungen sollten dann nur noch von Sportlern in der Freizeit geäußert werden dürfen. Die zweite Möglichkeit: Der Sport wird zu einem politischen Raum – mit allen Meinungen, Haltungen und Einstellungen, die Sportler beizutragen haben. Dann müssten Klubs und Verbände jedoch auch damit leben, wenn demnächst ein Spieler Werbung für Donald Trump oder die AFD macht. So geht es in echten politischen Räumen dann eben zu.

Ich bin für Option 1: Der Sport als apolitischer Raum. In diesem kann und muss dann auch mit den Gesundheitsämtern ein Hygienekonzept ausgearbeitet werden. Aber ohne als Klub oder als Liga geschlossen für eine spezifische politische Überzeugung einstehen zu wollen und zu müssen. Denn dieser Anspruch ist im Fall Joshiko Saibou gescheitert.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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