Der Jemen-Krieg: Eine Fortsetzung westlicher Kolonialpolitik

Foto: Credit Yahya Arhab/European Pressphoto Agency, via Shutterstock

Die Coronavirus-Pandemie legt viele strukturelle Probleme in Deutschland offen, verdeckt aber Ereignisse wie den fünfjährigen Krieg im Jemen, der im Hintergrund weiter aktiv ist. Über 18 Millionen der 23 Millionen Jemeniten sind auf externe Lebensmittelhilfen angewiesen, um zu überleben. Der Westen stiehlt sich nicht nur aus der Verantwortung, sondern setzt seine Kolonialpolitik ungestört weiter fort.

Arabia Felix wurde es früher genannt, aufgrund seiner jahrhundertealten Kultur, (…) „seines angenehmen Klimas und dem Reichtum an landwirtschaftlichen Produkten und Gewürzen.“

Die lateinische Bezeichnung steht in deutscher Übersetzung für „glückliches Arabien“ und bezieht sich auf das südwestlich-arabische Gebiet, in dem unter anderem der heutige Staat des Jemen liegt. Nicht umsonst wird der Jemen im arabischen Raum als die Wiege der arabischen Kultur angesehen (AlDailami: 2019, Vorwort).

Doch von einem glücklichen und reichen Jemen kann heute anno 2020 nicht die Rede sein.

Nach fünf Jahren tobt immer noch ein Bürgerkrieg im einstigen britischen Kolonialstaat; laut Schätzungen sind mindestens 24 der 30 Millionen Jemeniten auf ausländische Nahrungsmittelhilfen und externe medizinische Versorgung angewiesen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UN), UNICEF, spricht von der „größten humanitären Katastrophe der Welt“.

Auch die Cholera-Pandemie, die 2016 ausbrach, ist weiterhin aktiv und kostet Tausenden Menschen das Leben, da besonders verschmutztes Trinkwasser die Ausbreitung von Seuchen begünstigt. Berichte über „dreckiges Trinkwasser“ sind zahlreich.

Die Corona-Pandemie, die in diesem Jahr weltweit tobt, macht auch vor dem Bürgerkriegs-Land keinen Halt und verschlimmert die Situation sogar noch. Das staatliche Gesundheitssystem, sowieso schon überfordert und völlig zusammengebrochen, ist auf den Ansturm neuer Patienten nicht vorbereitet.

Die Akteure des Jemen-Krieges

Online lassen sich viele Artikel finden, die sich mit der Thematik des Jemen-Kriegs befassen. Allerdings fehlt gerade jetzt-in Zeiten von COVID-19-eine Auseinandersetzung mit dem fünfjährigen Krieg. Zeitungen und das Fernsehen berichten kaum über die Zustände der Menschen vor Ort; noch weniger aber über die verantwortlichen Kriegsakteure, die von der Bundesregierung und westlichen Regierungen maßgeblich unterstützt werden.

Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) starteten im März 2015 ihre Luftangriffe auf den Jemen, um die Huthi-Rebellen aus der Hauptstadt Sanaa zu vertreiben. Die Huthi-Rebellen hatten zuvor die Regierung von Präsident Hadi gestürzt und die Herrschaft im Staats für sich beansprucht.

Die politische Schuld komplett auf eine Seite zu schieben, ist natürlich nicht angebracht. Auch die Huthi-Rebellen haben Kriegsverbrechen zu verantworten. Zudem füllen sie die Staatsapparate mit eigenen Familienmitgliedern und Stammesleuten und sorgen somit für die Aufrechterhaltung der Vetternwirtschaft und Korruption (siehe AlDailami: 2019). Der Jemen war schon vor dem Krieg im Jahr 2014 einer der korruptesten Staaten überhaupt, rangierte laut Transparency.de auf Platz 161 von 174 Ländern;

2019 liegt das Land sogar auf dem viertletzten Platz, was zeigt, dass die Huthi-Rebellen keine Verbesserungen in diesen Fragen erreicht haben.

Der Blick auf die Kriegsakteure im Jemen zeigt allerdings, dass sowohl Saudi-Arabien als auch die VAE im Gefolge der Kriegs-Allianz die Hauptschuld am humanitären Leid der dortigen Bevölkerung tragen.

Beide Staaten bombardieren gezielt die Infrastruktur des Landes, ohne Rücksicht auf Verluste: Krankenhäuser, Schulen, Märkte, ja sogar Kinderhäuser sind bereits Opfer dieser Luftschläge geworden. Der Aufschrei des Westens bleibt gering.

Sowohl im UN-Sicherheitsrat als auch innerhalb der EU oder NATO wurden bisher keine Resolutionen angestrengt, um das militärische und völkerrechtswidrige Eingreifen der saudi-arabischen-Koalition zu unterbinden.

Im Gegenteil: Die US-Amerikaner liefern den Saudis sogar weiterhin Waffen und logistische Aufklärung aus der Luft, die dann unter anderem zur Tötung von Zivilisten im Jemen beiträgt.

Eine Resolution im US-Senat, diese militärische Unterstützung für den Jemen-Krieg zu beenden, scheiterte am Veto von US-Präsident Donald Trump. Trumps private finanzielle Interessen mit Saudi-Arabien sind bereits Gegenstand zahlreicher Berichte (siehe u.a. Business-Insider & Washington Post).

Dabei ist die Rolle des Westens mindestens genauso wichtig, ist aber fast nie Gegenstand der Betrachtung mit Blick auf den Jemen-Krieg.

Die Rolle des Westens

Der Westen, in der Rolle Großbritanniens, hatte bereits im 20. Jahrhundert die Macht im Jemen. Der Jemen war damals ein Teil des kolonialen Empire der Briten auf der ganzen Welt. Wie Indien oder auch Hongkong.

Viele glaubten, dass nach dem Rückzug der Briten aus dem Jemen 1967 auch die Herrschaft des Westens über das arabische Land enden würde. In der öffentlichen Wahrnehmung war das sicher so.

Doch weit gefehlt.

Der Staat Jemen ist seit seiner Wiedervereinigung 1990 immer noch Gegenstand geopolitischer Interessen. Dies liegt vor allem an seiner geografischen Lage, mit der Meerenge Bab el-Mandeb, als immanent wichtige Liefer-Zone von Erdöl auf der ganzen Welt. Daher ist auch die Weltwirtschaft durch den Jemen-Krieg gefährdet.

Doch neben Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran, die ihren Einfluss auf den Jemen vergrößern wollen, spielen die genannten westlichen Staaten wie Großbritannien, USA, Frankreich, aber auch Deutschland einen zentralen Aspekt im Konflikt des Landes.

Die Bundesrepublik (BRD) brüstet sich mit ihrer werteorientierten Außenpolitik, ist aber gleichzeitig (Stand 2018) der viertgrößte Waffenexporteur der Welt. Zudem lieferte die BRD im Zeitraum der Kriegsjahre 2015-2018 Rüstungsgüter im Wert von zusammengerechnet 1,470 Milliarden Euro nach Saudi-Arabien aus, während der Jemen-Krieg also bereits tobte.

Das Versprechen der Bundesregierung, keine Waffen an die Kriegsakteure im Jemen zu liefern, erweist sich in der Praxis als zahnlos. Eine Regierungsbefragung aus dem Jahr 2018 zeigt dies eindrucksvoll:

Auf Nachfrage des Journalisten Tilo Jung, wer die Beteiligten im Jemen-Krieg seien, wollte die Bundesregierung keine Auskunft geben.

Das ist bezeichnend, sind doch die Beteiligten (USA, Frankreich, Großbritannien, Saudi-Arabien, VAE, Ägypten) allesamt Verbündete der Bundesrepublik.

Die Waffenlieferungen und logistischen Unterstützungen an die saudi-arabische Militärkoalition, aber auch die stillschweigende Duldung der tödlichen Operationen zeigen abermals:

Die Kolonialpolitik des Westens-mit dem Beispiel Jemen-hat bis heute nicht aufgehört.

Sie ist nur verdeckter, heimlicher, indirekter geworden.

Das zeigen auch die anderen Beispiele im Syrien-Krieg, Libyen oder auch Irak.

Deshalb ist es umso dringlicher geboten, die öffentliche Wahrnehmung auf den Jemen-Krieg und die verantwortlichen politischen Akteure zu lenken.

Die deutsche Bundesregierung, die jetzt für 6 Monate die Führungsrolle in der EU-Ratspräsidentschaft innehat, kann wieder den Fokus des Weltgeschehens auf den dunklen Fleck des Leidens in diesem vergessenen Land lenken.

Das ist jedoch ob der Interessenkonflikte der Bundesregierung eher unwahrscheinlich.

Mehr Literatur zur Geschichte des Jemen:

  • Gabriel Mandel: Das Reich der Königin von Saba, 1976
  • Jean-François Breton: Arabia Felix from the Time of the Queen of Sheba: Eighth Century B.C. to First Century A.D.
  • Said AlDailami: Jemen: Der vergessene Krieg, 2019
  • Steven C. Caton: Yemen (Nations in Focus), 2013

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