Twitch und das Problem der Freizügigkeit: Wenn sexuelle Manipulation gefährlich wird

Vergangene Woche ging eine Klage eines Twitch-Zuschauers durch viele Medien: Erik Estavillo verklagte die Streaming Plattform wegen sexuell anzüglicher Inhalte. Der absurd klingende Grund: Weibliche Streamerinnen hätten seine Sexsucht verschlimmert. 25 Millionen Dollar fordert der Kläger nun von Twitch. Die Anzeige erregte weltweit Aufmerksamkeit. Auch wenn die aufgeführten Gründe absurd klingen, ist eines unbestritten: Auf dem Portal verüben einige Streamerinnen sexuelle Manupulation. Und das kann gefährlich sein.

In den Nutzungsbedingungen behandelt Twitch sexuell anstößige oder pornografische Inhalte sehr schwammig und nicht genauer definiert. Unter Punkt 9 ist dort nur von „Erschaffen, Hochladen, Übermitteln, Verteilen oder Speichern jeglichen Inhalts, der nicht genau, rechtswidrig, diffamierend, obszön, pornographisch, die Datenschutz- oder Publizitätsrechte verletzend, belästigend, bedrohend, missbrauchend, aufrührerisch oder anderweitig anstößig sind“ die Rede. Zudem muss ein registrierter Nutzer mindestens 13 Jahre als sein.

Genauer in Sachen „sexuellen Inhalte“ wird die Plattform, die zum Konzern-Riesen Amazon gehört, in ihren Community-Richtlinien. Diese internen Regelungen einzuhalten, sind vertraglich gesehen Bestandteil der Nutzungsbedingungen. Hält ein Streamer oder Nutzer diese Regelungen nicht ein, führt das früher oder später eigentlich zu einem Bann. Gerade bei Streamern mit großer Reichweite drückt Twitch jedoch oftmals beide Augen zu, wenn es um die Verletzung der Community-Richtlinien geht.

Einige Gründe, warum das Leben des Klägers aufgrund von Twitch und den Streamerinnen eingeschränkt sei, sind schlichtweg lächerlich. Man könnte dies sogar als einfaches Trolling oder Satire interpretieren, was Estavillo für „Beschwerden“ äußert, die ihm der übermäßige sexuelle Drive durch die Twitch-Stars eingebrockt hätten. In der Gaming-Welt ist der Klagesteller zudem kein Unbekannter. Auch andere Konzernriesen wie Nitendo, Microsoft und Sony verklagte er bereits aus unterschiedlichsten Gründen auf mehrere tausend Dollar Schadensersatz. Alle Klagen wurden abgelehnt.

Estavillo also hier als Parade-Opfer von sexueller Manipulation heranzuziehen, käme schlicht einer Lächerlichkeit nahe. Das bedeutet jedoch nicht, dass es durch freizügige Twitch-Streamerinnen überhaupt keine Problematiken auf der Nutzerseite gibt.

Er listet unter anderem eine Reihe von Streamerinnen auf, die seine Sexsucht befördert hätten. Darunter befinden sich Twitch-Stars wie die dort größte weibliche Content-Createrin Pokimane, die nicht für sonderlich anzügliche Auftritte bekannt ist.

Doch es stehen auch andere Anbieterinnen auf der Liste. Und bei diesen kann man sich teilweise durchaus fragen, ob ein solches Auftreten nicht eher auf erotischen Streaming-Portalen angemessen wäre denn auf einer Plattform für Menschen ab 13 Jahren.

Da wäre zum einen „Pink_Sparkles“, die sich sowohl im Livestream als auch auf ihrer Instagram-Steite stehts mit tiefem Ausschnitt präsentiert und mit gewagten „Cosplay-Outfits“ die Männerblicke auf sich zieht. Sie zählt auf Twitch rund 200.000 Follower.

Alinity entblößt „aus Versehen“ ihre Brüste

Die gebürtige Kolumbianerin „Alinity“ streamt die Games World of Warcraft und Fortnite. Und spielt hier und da gerne mit ihrem leicht bekleideten Körper. Einmal schob sie ein Kissen unter ihr Shirt, um einen Schwangerbauch zu simulieren. Zufällig entblößte sie dabei einer ihrer Brüste. Aus Versehen, beteuerte sie. Erst nach einem Aufschrei folgte ein Kurzzeit-Bann. Damit erhielt sie jedoch auch eine Welle an Aufmerksamkeit. Ihrem Erfolg auf Twitch tat dieser „Vorfall“ jedenfalls keinen Abbruch. Im Gegenteil.

„Amouranth“ ist mit rund 1,6 Millionen Followern eine wahre Twitch-Größe. Ihr Content: „Cosplay“ – oder in ihrem Fall leicht bekleidetes Auftreten. Zudem lässt sie erotische, angenehme oder entspannende Laute von sich – eine Praktik, die abgekürzt als ASMR bezeichnet wird. Sprich: Amouranths Content besteht zumindest zu einem nicht unerheblichen Teil aus erotischen Inhalten.

Amouranth faked Single-Dasein

Apropos Amouranth. Wir kommen damit nun zu den Psychologien, mit denen große Streamer und die Plattform Hand in Hand arbeiten, um Nutzer zum Spenden zu bewegen. Ein Beispiel: 2018 deckte der US-Youtuber L OF THE DAY auf, dass die Streamerin seit längerem verheiratet ist.

Der US-Youtuber L OF THE DAY entdeckt Amouranths Ehemann

Ist doch nicht schlimm, werden sich viele sagen. Für ihre spendefreudige, zum Großteil aus wahrscheinlich verzweifelten Männern bestehende, Community bedeutete dies allerdings einen Schock. Bis zu 13.000 Dollar im Monat spendeten Nutzer der „Cosplay-Streamerin“ über Twitch. Doch warum hielt der Internet-Star einen so elementaren Bestandteil ihres Lebens, nämlich ihren Ehepartner, überhaupt geheim? Schließlich gibt sie sich als lebensnahes, offenherziges Mädchen von nebenan, die nur „zufällig“ mal wieder ein kurzes Röckchen als Outfit vor der Webcam wählen wollte. Die Antwort ist einfach: Geld und Manipilation. Wie das österreichische Portal heute.at hier von einem „skurrilen Shitstorm“ gegen die freizügige Streamerin zu sprechen, ist eine Farce. Denn gerade dieses Single-Image dürfte ihr womöglich erst diese riesige Reichweite geschaffen haben, die Amouranth heute genießt. Nicht ohne Ursache ist die Enttäuschung vieler Nutzer so groß. Wenn man so will, wurden sie mittels Vortäuschung falscher Tatsachen betrogen.

Mit ihrer Freizügigkeit löst Amouranth selbstverständlich gewisse Reaktionen auf einer männlich geprägten Plattform aus und erregt damit allerhand Aufmerksamkeit. Amouranth dürfte sich ihrer Wirkung freilich bewusst sein. Es ist ihr Geschäftsmodell.

Auf Twitch funktioniert die Phsychologie hinter den Großspenden nicht nur bei Amouranth so. Wer zahlt, bekommt ein bisschen Aufmerksamkeit. Man wird ein Mini-Bestandteil seines Lieblings-Programms. Das kommt einem Glücks-Effekt nahe, wie von seiner Lieblings-Band auf die Bühne geordert zu werden. Was für die einen peinlich ist, kann für andere der größte Tag ihres Lebens bedeuten.

Wenn sein Twitch-Nutzername in Luftschlangen auf dem Overlay seines Lieblings-Streamers aufpoppt, wurde man zu einem kurzen Bestandteil des Programms, dem gerade tausende Menschen zugucken. Spendet ein Nutzer sogar einen ungewöhnlich hohen Betrag, hebt er sich natürlich noch mehr von der anonymen Menge an Zuschauern ab. Und will er sich dauerhaft als „wichtiger Nutzer“ eine größere Rolle im Stream und im Leben seines Lieblings-Stars erkaufen, muss er diese Spende mehrmals wiederholen. Letztlich wird er kontinuierlicher Teil des Streams – weil er es sich erkauft hat.

Daraus entsteht ein Belohnungssystem, das für einige nicht mehr zu kontrollieren ist und zur Sucht werden kann. Findet man einen bestimmten Streamer dann auch noch attraktiv und sexuell anziehend, dürfte dies nicht selten einen verstärkenden Effekt der Spende-Psychologie haben. Einige Spielerinnen bezeichnen ihre Groß-Financiers liebevoll als „Sweety“, „darling“, „honey“ und und und. Der große und attraktive Twitch-Star erscheint einem plötzlich ganz nah.

Es verwundert daher nicht, dass sich einige Großspender sogar eine intimere Beziehung mit Amouranth gewünscht hatten. Es entsteht eine Besessenheit, die aus einer asymmetrischen Beziehung heraus entsteht. Der Twitch-Star spricht zu tausenden Zusehern und erscheint auf den Bildschirmen vieler Individuen. Der Nutzer fühlt dem „Gesprächspartner“ ganz nah. Umgekehrt ist das jedoch kaum der Fall. Der Streamer erzählt von seinem Alltag, seinen Einstellungen, Werten, Gefühlen, Erfahrungen – und der Nutzer verspürt dadurch eine Nähe, die der Streamer jedoch anders herum nie aufbauen kann. Solche Prozesse spiegeln sich natürlich bei weitem nicht nur bei weiblichen, freizügigen Streamerinnen wider.

Unterdessen profitiert Twitch kräftig: Das Portal greift sich 50 Prozent der Spenden und Abonnement-Gelder ab. Abos lassen sich nicht nur selbst abschließen. Man kann unendlich viele sogenannte „Subs“ an andere Nutzer verschenken und somit den Streamer unbegrenzt unterstützen. Freizügige Content-Anbieterinnen stellen inzwischen eine zusätzliche Cash-Cow für das Unternehmen dar. Twitch hat generell den Ruf, große Streamer mit Samthandschuhen anzufassen, wenn es um die Einhaltung der Community-Richtlinien geht. Mit den freizügigen und sexualisierten Streams zieht die Plattform mittlerweile nicht mehr nur das klassische Gamer-Klientel auf die Seite. Hinzu kommen nun vor allem Männer mit den Bedürfnissen, einer anziehenden Frau intim und nahe zu sein.

Zu was die Twitch-Psychologie führen kann: Als ein Moderator einer Streamerin, ähnlich wie bei Amouranth, von ihrem Ehemann erfuhr, offenbarte er sich ihr enttäuscht in einem Privat-Chat. Der Verlauf wurde öffentlich und auf der Plattform Reddit weit verbreitet.

Screenshot/Reddit.com

Angeblich schien die Streamerin vom Interesse ihres Unterstützers nichts geahnt zu haben. Und das, nachdem ihr Moderator tausende an Dollar gespendet hatte. Der Supporter scheint aus dieser Enttäuschung nicht einmal lernen zu können. Stattdessen offenbarte er, bereits einer anderen Streamerin als Unterstützer aufgefallen zu sein. Er kann wohl einfach nicht anders.

Ebenfalls ein Reddit -Post: Eine Ehefrau klagte, ihr Ehemann habe alle Familien-Ersparnisse auf Twitch als Spendengelder verpulvert. Die anonyme Schreiberin sprach von einem Betrag von bis zu 38.000 Dollar. Wenn das mal keine Sucht ist.

Screenshot/ Reddit.com

Jeremy Wang (Disguised Toast), ein großer Twitch-Streamer sprach auf dem Portal „kotaku“ die skurrile Realität um große Twitch-Streamer offen an. „Das sind Millionäre, die Geld von Menschen nehmen, die wahrscheinlich keine Millionäre sind.“ Und weiter: „Es schreiben Nutzer: ‚Hey Mann, das ist alles, was ich Ihnen diesen Monat geben kann, bis mein Scheck eintrifft.‘ Und der Streamer sagt nur: ‚Ja, danke. Ich weiß es zu schätzen.'“

Anstatt sich über den skurrilen Kläger gegen Twitch zu echauffieren, sollten zentrale Probleme von Nutzern und Streamern auf Twitch endlich thematisiert werden. Ist das Portal bereit, auch größere Streamer gemäß ihrer eigenen Richtlinien zu sanktionieren? Denkt Twitch überhaupt darüber nach, ein Spendenlimit für Nutzer einzuführen? Und ist die Plattform an grundlegender Aufklärung und Forschung zum Suchtverhalten von Nutzern und fragwürdiger Manipulation von Streamern interessiert? Die Hoffnung ist da. Nur allein es fehlt der Glaube.

Veröffentlicht von chsscha

Freidenkender Schreiberling, der sich um Zukunftsfragen Gedanken macht und Fragen stellt, die nicht in Dauerbeschallung durch die Kanäle der Republik gepeitscht werden. Ich bin Mitgründer und Administrator des Gemeinschaftsblogs www.generaldebatten.com. Auch findet ihr uns auf unserem Youtube-Channel "knallhart durchgeleuchtet". Viel Spaß beim Durchstöbern unserer und meiner Inhalte!

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