#BoycottLoredana ein Resultat von Sexismus? Wohl kaum

Der Hashtag #BoycottLoredana hat in den letzten Tagen im Hip-Hop Kosmos für viel Wirbel gesorgt. Warum es aber falsch ist, jetzt alles auf Sexismus zu reduzieren.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte das Schweizer Online-Magazin “20 Minuten” ein Interview mit Petra Z. In diesem emotionalen Video beklagt sich Frau Z darüber, dass sie kein Geld mehr hat um die Beerdigung ihrer Mutter zu bezahlen, welche umgerechnet ca. 3.300 Euro kosten würde. Die Schuld dafür sehen Hans und Petra Z. bei Rapperin Loredana und ihrem Bruder. Schon seit längerem stehen die Vorwürfe im Raum, dass die beiden das Ehepaar um circa 800.000 Euro betrogen haben sollen. Das Geld wollten sich die Geschwister für eine angebliche Operation ausleihen. Danach soll sich Loredana noch als Tochter eines bekannten Anwalts ausgegeben haben um den Schweizern noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ein Verfahren wurde bereits letztes Jahr gegen Loredana Zefi und ihren Bruder eingeleitet. Die Vorwürfe gegen den Bruder der Rapperin ließ die Staatsanwaltschaft jedoch wieder fallen, da Petra Z. offenbar alle Vorsichtsmaßnahmen missachtet hatte. Ein Urteil gibt es bislang noch nicht und ein mögliches Verfahren würde laut dem Anwalt Loredanas frühestens im Frühjahr 2021 stattfinden. Da noch kein rechtskräftiges Urteil besteht, gilt für Loredana selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe hat sie bereits auf einer selbst einberufenen Pressekonferenz, ein paar Tage nach ihrer Festnahme bestritten: “Das Geld wurde freiwillig übergeben”. Auch ein mittlerweile erfolgtes Vergleichsangebot über 350.000 Franken hat Petra Z. ausgeschlagen, da die Rapperin ihr mindestens das Doppelte schulden soll.

Nach Veröffentlichung dieses Interviews gab es in den sozialen Medien einen Shitstorm gegen die Schweizer Rapperin. Auf Twitter war #BoycottLoredana sogar zeitweise der am meisten trendende Hashtag. Von Mitgefühl für das geschädigte Ehepaar sowie Kritik an Loredanas angeblichen Betrugs, bis zu Plagiatsvorwürfen und den übelsten sexistischen Beleidigungen an die Rapperin war alles dabei. Ohne Frage sind sexistische und alle anderen Beleidigungen aufs schärfste zu verurteilen. In der heutigen Gesellschaft, vor allem bei Shitstorms auf Social Media Plattformen, sind solche aber leider keine Seltenheit. Fast kein Tag vergeht ohne eine neue Welle an Beleidigungen im Zuge des nächsten Aufregers. Die toxische Cancel Culture, die nach “falschen” Aussagen Prominenter direkt zum boykottieren dieser Person aufruft, ist schon länger ein Social-Media-Problem.  

So weit so klar. Doch wo liegt nun das eigentliche Problem im Fall Loredana? Es liegt darin, dass in weiten teilen des Hip-Hop Journalismus nun die Ansicht vorherrscht, Loredana werde nur deshalb so heftig von der Öffentlichkeit verurteilt, da sie eine Frau ist. Bei männlichen Kollegen im Genre werde gerne über etwaige Verfehlungen hinweg gesehen. So stellte etwa die Journalistin und Podcasthosterin Jule Wasabi auf Twitter die These auf, für die Community sei es anscheinend kein Problem, wenn der Rapper Bonez auf seinem neuen Kitschkrieg-Album ein Feature mit einem verurteilten Mörder macht. Im Fall Loredana jedoch würde dagegen aufgerufen, sie zu “steinigen”. Fünf Tage davor bezeichnete Wasabi das von ihr nun kritisierte Album mit dem definitiv fragwürdigen Feature noch als das “krasseste Album für dieses Jahr”. Ein Hoch auf die Doppelmoral.

Das Verlangen, Loredanas angebliches Vergehen gleich mit den Vergehen männlicher Hip-Hop Kollegen zu vergleichen, ist nicht nur whataboutism aller erster Güte, sondern auch unsinnig. Shitstorms sind immer aus dem Moment und der Emotion heraus geboren, halten ein paar Tage an und nach zwei Wochen interessiert sich keiner mehr dafür. Deshalb ist auch stark zu bezweifeln, dass die Karriere der mittlerweile sehr erfolgreichen Rapperin Loredana nach diesem Vorfall in Trümmern liegen wird. Die Vorwürfe sind, wie erwähnt, nicht neu und haben ihrer Karriere bis zu diesem Punkt nicht geschadet, sondern eher noch mehr Aufmerksamkeit gebracht.

Ein anderes Argument, nämlich dass die Szene männliche Rappern immer mit Schlagwörtern wie Kunstfreiheit in Schutz nehmen würden, erscheint ebenfalls aus der Luft gegriffen. Rapper, ob in Deutschland oder Amerika bekommen im gleichen Maße Shitstorms und Boykott Hashtags ab. Als Beispiele hierfür lassen sich unter Anderem der Echo Skandal von Kollegah und Farid Bang heranziehen. Oder die kontroverse Verleihung des Integrations Bambis an Bushido. Ebenfalls hinkt der Vergleich von Fritz-Moderatorin Salwa Benz, als sie Loredanas Fall mit einem Ausraster von Rapper Fler in einem Interview verglich, wofür dieser im Nachhinein noch gefeiert wurde. Was ein Interview-Ausraster mit einer Abzocke, die die Geschädigte fast in den Suizid trieb, gemeinsam haben soll, ist mir schleierhaft.

Natürlich ist es wichtig das Thema Sexismus anzusprechen und sich für Veränderungen stark zu machen. Es geht nicht nur um ein Problem im Hip-Hop, sondern in der ganzen Gesellschaft. Aber einfach bei jedem kontroversen Thema, in das eine prominente Frau involviert ist, gleich Sexismus zu schreien und sich vor sie zu stellen, hilft weder Loredana noch sonst jemandem.

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